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Franz Heinz: Endzeit | Rezension

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Ausschweifende Fabulierlust

Franz Heinz: Endzeit. Ludwigsburg: Pop-Verlag 2021. 249 S.

Von Wolfgang Schlott

Es sind zwei renommierte Zeitzeugen, die im 20. und im frühen 21. Jahrhundert im Banat, dem nordwestlichen Gebiet von Rumänien, in dem Roman Endzeit Zeugnisse ihres künstlerischen und literarischen Schaffens hinterlassen: der Maler Franz Ferch (1900–1981) und der Schriftsteller Franz Heinz, geboren 1929 in Rudolfsgnad (srb. Knicanin), dem heutigen serbischen Teil der Region. Beide sind in ihrem künstlerischen Schaffen eng miteinander verbunden, beide haben nach langem, leidvollem Leben im Banat ihre rumäniendeutsche Heimat in den 1970er-Jahren aus familiären und kulturpolitischen Gründen verlassen. Sie haben einzigartige Gemälde und literarische Schriften hinterlassen, die vor allem Tausenden ausgewanderter Banater Schwaben einen Rückblick in eine „Endzeit“ ermöglichen, die in mehrfacher Hinsicht wie ein Menetekel und zugleich wie eine anhaltende Nostalgie in ihnen fortwirkt. Der vorliegende Roman mit seinem metaphorisch aufgeladenen Titel erfüllt diese doppelte Funktion in vielerlei Hinsicht. Er gehört in die Kategorie einer Prosa, in der der Autor sich eines Erzählers bedient, der über eine ausschweifende Fabulierlust verfügt. Gleichzeitig räumt er seinen Figuren so viel Erzählraum ein, damit diese ihre Gefühle preisgeben können. Das ist immer dann der Fall, wenn sie sich im engen Freundeskreis spontan zu politischen Ereignissen äußern, wenn sie sich über ihre Nachbarn ärgern, wenn sie über die reichen Bauern lästern oder über die erotischen und sexuellen Ausschweifungen ihrer Nachbarn Gerüchte verbreiten. Immer dann lässt der Erzähler sie frei von der Leber weg reden. Diese narrativ wohldosierte Mischung ist es, die den Erzählfluss vorantreibt und Lesern wie Leserinnen die Möglichkeit einräumt, an der Fülle der Ereignisse teilzuhaben.

Meist gefiltert durch die künstlerische und literarische Wahrnehmung, erweist sich die Flusslandschaft am Marosch (rum. Mureș, ung. Maros) im westlichen Banat als widersprüchlich in ihrer Beschaulichkeit. Der Beobachtungsort ist vorwiegend ein bescheidenes Häuschen mit Atelier, in dem der freischaffende Maler Lerch auf der Grundlage seiner Skizzen und Farbpaletten mit Motiven aus seiner Umgebung seine Gemälde und Porträts gestaltet. Manchmal sind es Auftragswerke, die die bescheidene Lebensexistenz des Künstlers absichern, öfters jedoch gestaltet er nach freier Entscheidung seine Bilder. Zweifellos erscheint Lerch als ein akademisch ausgebildeter Kunstmaler, der nach dem Ersten Weltkrieg in Italien und Deutschland an renommierten Kunstakademien seine Fähigkeiten trainierte (was uns der Autor leider nur in einer Annotation verrät!). Ebenso überzeugend vermittelt Franz Heinz seinen Lesern die hohe Gabe der Intuition des Malers, größere gesellschaftliche Abläufe in seinen Bildern zu erfassen. Auch die kritische Position des Außenseiters innerhalb der Dorfgemeinschaft beschreibt der Autor anschaulich. Er lässt Lerch sich auch nicht von Kunstmäzenen oder vermögenden Landsleuten vereinnahmen, die ihn mit Auftragswerken ködern wollen. Ausnahmen bilden nur die Absicherung seiner elementaren Lebensgrundlagen und die leidige Eitelkeit, die Lerch bewegen, an einer größeren Ausstellung innerhalb der Region teilzunehmen. Seine kritische Außenseiterposition demonstriert er auch, als die nationalsozialistische Bewegung mit dem Agitator Dr. Matitzer an der Spitze das dörfliche Leben immer stärker beherrscht.

Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs muss Lerch für das Königreich Rumänien, Bündnispartner von Hitlerdeutschland, in den Krieg ziehen. Sein Kriegstagebuch, das den aussichtslosen, sinnlosen Eroberungsfeldzug durch den Süden der Ukraine aufzeichnet, verdeutlicht die abwehrende Haltung von Lerch, der verwundet einige Wochen im Lazarett verbringt. Heimgekehrt, wird er mit dem Auftrag des Nazis Matitzer konfrontiert, ein Porträt des Reichsmarschalls Göring anzufertigen. Der Aufgabe kann er sich glücklicherweise durch eine Verwundung am rechten Daumen entziehen. Lerch, der vor Kriegsbeginn die junge Lisi geheiratet hat, zweifacher Vater in den ersten vierziger Kriegsjahren geworden ist, muss sich in den schrecklichen Nachkriegsjahren nun mit der entstehenden kommunistischen Diktatur arrangieren. Leider bricht zu diesem Zeitpunkt der Erzählfaden ab. Der Maler zieht sich mit seinem Freund Heckl in eine Art innere Emigration zurück. Es ist ein Rückzug, eine Resignation, in der sogar Suizid-Gedanken auftauchen. Es sind immer die anderen, die uns vorschreiben, was wir tun sollen, sagt Heckl, ohne zu wissen, wer die anderen sind. Besonders der im Banat nach 1945 aufgewachsene Leser aber hätte gern gewusst, wie sich der Künstler in dem neuen Regime eingerichtet hat. In der Annotation ist zu lesen, dass Ferch sich dem politisch-ideologisch grundierten Stil des sozialistischen Realismus „angenähert“ habe und sich auch im kulturellen Leben des Banats engagiert hat. Im Roman wird der weitere Aufenthalt in seinem Dorf als inneres Exil, als „Endzeit“ geschildert. Es ist ein inneres Exil, mit dem sich der Künstler Lerch abfindet und das den realen Franz Ferch in den späten 1970er-Jahren den Entschluss fassen lässt, aus der entfremdeten Heimat, dem Banat, endgültig zu emigrieren.

Der Roman, der auf dem Umschlag die Abbildung des Maroschhauses von Franz Ferch zeigt, weist eine flüssig und spannend erzählte Handlung auf, in der ein übermächtiger Erzähler sich nur unterbrechen lässt, wenn er selbst seinen Redefluss in Frage stellt, wenn er seine Figuren reden lässt, um gewisse Sachverhalte zu verdeutlichen. Leser und Leserinnen, die aus dem Banat stammen, werden sicherlich die zahlreichen eindrucksvollen Naturbeschreibungen und die sorgfältige Aufzeichnung von Sitten und Bräuchen mit Hingabe und Genuss goutieren.

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 2 (2021), Jg. 16, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 238–240.

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