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Natalka Sniadanko: Frau Müller hat nicht die Absicht, mehr zu bezahlen | Rezension

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Natalka Sniadanko: Frau Müller hat nicht die Absicht, mehr zu bezahlen. Roman. Aus dem Ukrainischen von Lydia Nagel. Innsbruck: Haymon Verlag 2016. 346 S.

Von Alexander Kratochvil

 

Chrystyna, eine ca. vierzigjährige ukrainische Arbeitsmigrantin aus Lemberg (ukr. L’viv, poln. Lwów, russ. Lvov) und ehemalige Musiklehrerin, steht im Mittelpunkt des Romans, der sich aus einem Cluster von kleinen Erzählungen, teilweise auch bloßen Anekdoten über UkrainerInnnen als marginalisierte Individuen und Gruppen in Deutschland (finanziell und rechtlich), aber auch in der Ukraine (gesellschaftlich und in Gender-Hinsicht) zusammensetzt. Durch diese Geschichten zieht sich wie ein roter Faden die Frage nach individueller und kollektiver Identität in sich wandelnden politischen und gesellschaftlichen Konstellationen. Dabei werden aktuelle Themen aufgegriffen wie die Situation von OsteuropäerInnen resp. UkrainerInnen in der EU und ihre latente Ausbeutung, zurückgelassene Familien, rechtliche Grauzonen und bürokratische Willkür, außerdem werden Gender-Fragen und homosexuelle Partnerschaften und nicht zuletzt auch das kollektive Erinnern an traumatisierende historische Geschehnisse in der Ukraine des 20. Jahrhunderts wie den Stalinismus zur Sprache gebracht.

Die Autorin Natalka Sniadanko, geboren 1973 in Lemberg, ist seit Mitte der 1990er-Jahre als Schriftstellerin, Übersetzerin und Journalistin tätig. Ihr Debütroman Sammlung der Leidenschaften von 2001 erschien 2007 auf Deutsch, sie übersetzte unter anderem Elfriede Jelinek, Günter Grass, Herta Müller und Judith Hermann sowie Czesław Miłosz und Zbigniew Herbert ins Ukrainische.

Die Protagonistin des Romans Frau Müller hat nicht die Absicht, mehr zu bezahlen, Chrystyna, nimmt sich mit ihrer Freundin Solomija vor, ihr Glück im Schengenraum als Haushaltshilfe zu versuchen, nachdem ihre Lemberger Musikschule in Folge von Immobilienspekulationen schließen musste. Während Chrystyna relativ schnell ein Schengen-Visum erhält, bleibt ihre Freundin Solomija erst einmal in diversen bürokratischen Netzen hängen und kann erst später nachkommen. Inzwischen ist Chrystyna durch einen Glück-im-Unglück-Zufall in Berlin bei der Anwältin Eva untergekommen, die sich für osteuropäische Migrantinnen engagiert und lesbisch ist, was den sexuellen Präferenzen Chrystynas entgegenkommt.

Die Romanhandlung spielt an einem einzigen Tag und beginnt mit einem fulminanten Auftakt, in dem Chrystyna aus der morgendlichen Zeitungslektüre vom Selbstmord ihrer Freundin Solomija erfährt, die zudem eine alte Frau, die sie pflegte, vergiftet haben soll. Am Romanende findet dieser fulminante Auftakt leider eine ziemlich einfallslose Auflösung; ähnlich läppisch wird der eigentlich vielsprechende Romantitel anekdotenhaft und wie nebenbei erwähnt, und weder Frau Müller noch die Bezahlung spielt im Weiteren eine Rolle.

Die erzählte Zeit des Romans umfasst freilich mehr als nur einen Tag und berichtet in Rückblenden von Chrystynas und Solomijas Leben in der Endzeit der Sowjetunion, über die hoffnungsvollen und zugleich chaotischen 1990er- und beginnenden 2000er-Jahre, zudem werden Chrystynas bedrückende Kindheits- und Jugenderinnerungen an ihr Musikerelternhaus, an den labilen Vater und die fürsorgliche Mutter wachgerufen, die von der Schwiegermutter übel tyrannisiert wurde, was die Eltern letztlich entzweite. Außerdem werden die Rückblenden immer wieder mit psychologisierenden Einschüben über ihre Eltern und ihre Kindheit, über Liebe und Sex, mangelndes Selbstbewusstsein und Entscheidungsfreude sowie die Fähigkeit das Leben frei und selbstbestimmt zu gestalten verknüpft. „[…] aber letztendlich war alles nur eine Rationalisierung einer tiefliegenden Angst vor sich selbst, vor der Unerreichbarkeit einer Wahl, der Unberechenbarkeit individueller Freiheit. […] Einer Angst von Menschen, denen die Sicherheit fehlte, sich selbst zu vertrauen. Einer Angst, als Erster zu sagen, dass der Kaiser nackt ist. Einer Angst, die, wie alle mächtigen Ängste, aus der Kindheit stammte.“ (S. 121) Hier klingt ein Aspekt an, der sich in verschiedenen Personen- und Handlungskonstellationen durch den ganzen Roman zieht und um die Frage kreist, warum die Protagonistinnen so handeln, denken, fühlen, wie sie handeln, denken, fühlen und wie dies mit ihrer Vergangenheit und der heutigen Erinnerung daran verknüpft ist. Dieses Erinnern als psychologisierender, innerer Monolog setzt sich auf der Gegenwartszeitschiene fort. Hier werden aktuelle Erlebnisse berichtet wie zum Beispiel Chrystynas und Evas Reisen als Liebespaar nach Venedig und Krakau; oder Solomijas Beziehung zu Stefan, einem emigrierten Ukrainer, der Solomija anheuert, um seine gebrechliche Mutter Hanna zu pflegen, die er aus einer westukrainischen Kleinstadt nach Berlin holte. Stefan macht Solomija schließlich ein (Vernunft-) Eheangebot, dem sie nicht abgeneigt ist.

Die alte Hanna findet in Solomija eine aufmerksame Zuhörerin ihrer Lebensgeschichte, die diese auf Wunsch des Sohnes aufzeichnet. Diese Binnenerzählung von Stefans Mutter ist der Höhepunkt des Romans, der inhaltlich überzeugend und sprachlich gelungen ist. „Wenn man alt ist, da hat man‘s ja ganz gut. Als alter Mensch hat man ja nichts weiter zu tun wie sich zu erinnern, wie das früher mal alles so war.“ (S. 191) Dabei wird Erinnern individueller und kollektiver, auch traumatischer Ereignisse ukrainischer Geschichte des 20. Jahrhunderts zur Sprache gebracht in einem von Dialektelementen durchsetzten Redestrom, den die Übersetzerin Lydia Nagel hervorragend ins Deutsche umleitet. Im Erinnerungsstrom tauchen die blutigen polnisch-ukrainischen Auseinandersetzungen in der Westukraine ebenso auf wie der Terror der Bandera-Partisanen, die brutalen Zwangsumsiedlungen unter den Sowjets, und die Säuberung und Repressionen gegen die Landbevölkerung nach der Eingliederung der Westukraine in die UdSSR oder das harte Leben in der Kolchose, der Ehemann und Säufer, der Sohn Stefan und die Enkel. Die Fähigkeit sich zu erinnern ebenso wie zu vergessen ermöglicht die Identitätsbildung des Einzelnen und lässt eine sinnvolle Lebensgeschichte entstehen. Eine solche schließt auch ein Reiferwerden ein, das Selbstsicherheit und die Fähigkeit des Erinnerns traumatisierender Erfahrungen und deren anschließendes Vergessen beinhaltet. Im Roman fasst das die Protagonistin so zusammen: „,Also, ich glaube, fing Chrystyna an, […] ,dass es verschiedene Arten von Erwachsensein gibt. Ein physisches, wenn man halt ausgewachsen ist. Ein intellektuelles, wenn man begreift, dass man die Verantwortung für sein Leben und das Leben anderer übernehmen muss. Und ein emotionales, wenn man lernt, die eigenen Erlebnisse aus der Perspektive der gelebten Zeit und der gewonnenen Erfahrungen zu betrachten.“ (S. 140)

Chrystyna beobachtet während ihrer Tätigkeit als Haushaltshilfe bei verschiedenen, meist älteren Menschen das spannende Phänomen eines eingebildeten, trügerischen Erinnerns, des false-memory: wenn Menschen eigene Erlebnisse im Rückblick mit aktuellen sozialen Normen und traditionellen weltanschaulichen Werten verknüpfen und auf diese Art ein eigenes Erinnern rekonstruieren, das ihre Identität stützen soll. Um die Lebensgeschichte plausibel erzählen zu können, werden in die eigenen und die Familienerinnerungen oft Fragmente aus Literatur und Film und kanonisiertes Wissen aus der Schule oder der öffentlichen Meinung als narrative Elemente eingebaut, so wie es jener noch junge Autor machte, von dem Chrystyna berichtet, der „die authentische Lebensgeschichte seines Großvaters, eines chassidischen Juden, beschrieben hat, der aus einem belarussischen Dorf bei Lwiw stammte, den Krieg als Partisan in Litauen, in der Nähe von Riga, verbracht hatte, bis er in der russischen Armee durch halb Europa marschiert war und sich letztendlich im amerikanischen Sektor Londons niedergelassen hatte.“ (S. 136) Die Offenlegung oder Dekonstruktion des false-memory im inneren Monolog der Protagonistin klingt hier wie auch in einigen anderen Passagen so überkonstruiert, dass es die sonst oft klugen Einsichten der Erzählerin konterkariert bzw. den Selbstfindungsprozess der Protagonistin nicht recht nachvollziehbar macht. Dazu lassen sich auch Sätze wie folgender rechnen: „Jetzt spielte die Modalität eines Gefühls keine besondere Rolle mehr, sondern war nur noch ein notwendiges Attribut dieses Gefühls.“ (S. 115) Dies ist beim Lesen zuweilen anstrengend – man könnte solche Sätze freilich auch so lesen, dass hier die Schwierigkeiten des Heimfindens, des Heimisch-Werdens in fremden Lebenswelten in der Epoche globaler Migration auf der Textebene nachvollzogen werden. Dabei geht es für Osteuropa und im speziellen für die Ukraine auch um jene Transformation der postsozialistischen und anderer so genannter Post-Konstellationen, die für die Menschen in vielerlei Hinsicht eine Transitsituation bedeuten: Sie sind – wie es die Protagonistin Chrystyna im obigen Zitat zu den unterschiedlichen Arten des Erwachsenwerdens zutreffend formuliert – unterwegs, nämlich physisch als Migranten in fremden soziokulturellen Konstellationen, intellektuell streben sie heraus aus dem osteuropäischen Post-ismen-Raum und emotional hinein in eine selbstbestimmte – auch in Gender- und sexueller Hinsicht – europäische Identität.

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