Mark Thompson: Geburtsurkunde. Die Geschichte von Danilo Kiš. Aus dem Englischen von Brigitte Döbert und Blanka Stipetić. München: Carl Hanser Verlag 2015. 512 S.

Von Marcell Mártonffy

»Die ethnographische Rarität, die ich darstelle, wird mit mir aussterben« (S. 19). Die schwermütige Ironie von Danilo Kiš ergibt sich diesmal nicht nur aus der vergegenständlichenden Distanz des Betrachters zum Betrachteten, sondern auch aus dem fraglichen – weil fragilen – Wahrheitsgehalt der Behauptung. Zum einen versteht es sich ja gar nicht von selbst, dass im mitteleuropäischen Raum die komplexe Identität von Kiš eine »ethnographische Rarität« darstelle. Zum anderen rechtfertigt aber die literarische Ausformung dieser Komplexität in seinen Werken die Wahrnehmung der Einzigartigkeit auch ihres Autors: Der »letzte jugoslawische Schriftsteller«, wie er sich gern apostrophierte, verkörperte ja paradigmatisch die multikulturellen Gegebenheiten Mittel- und Südosteuropas. Wie bekannt, wurde er 1931 im serbischen Subotica (ung. Szabadka) als Sohn eines ungarisch-jüdischen, 1944 in Auschwitz ermordeten Eisenbahnangestellten (daher sein ungarischer Name) und einer montenegrinischen Frau geboren und im fünften Lebensjahr in Neusatz (srb. Novi Sad, ung. Újvidék) orthodox getauft. Er verbrachte seine Kindheit in Kerkabarabás (Südwestungarn), zog 1947 mit seiner Mutter nach Cetinje, Montenegro, um, studierte ab 1954 vergleichende Literaturwissenschaften in Belgrad, arbeitete danach als Übersetzer aus dem Ungarischen, Französischen und Russischen in Jugoslawien und parallel als Lektor für Serbokroatisch in Frankreich bis zu seinem Tod im Jahr 1989. Sein Lebenslauf – wie bereits die Ambivalenz seiner anfangs zitierten Aussage aus der 1993 verfassten kurzen Autobiografie Geburtsurkunde – bestätigt also die Prämisse, dass eine eingehende Auseinandersetzung mit seinem Œuvre erst im interdisziplinären Rahmen des Zusammenwirkens von Literaturwissenschaft und Geschichtsschreibung wirklich ertragreich sein kann. Anderenfalls, mangels solcher Verdoppelung des Blickpunkts, blieben wesentliche Zusammenhänge des Lebenswerkes verborgen.

Geburtsurkunde wird in vollem Umfang am Beginn der gleich betitelten Monografie von Mark Thompson wiedergegeben und dient als Ausgangspunkt für den britischen Verfasser, der als Historiker das beim Studium des Phänomens Kiš gebotene vielfältige Interesse in eigener Person vertritt. Dies scheint auch der Untertitel seines in deutscher Übersetzung 2015 veröffentlichten Buches Die Geschichte von Danilo Kiš anzudeuten: Das Wortgefüge erlaubt es, seine Mehrdeutigkeit als richtungsweisend wahrzunehmen. Denn nicht nur die Daten und Fakten von Kiš’ Leben und Schaffen benötigen weitere Kenntnisse über die regionale Geschichte Mittel- und Südosteuropas – an der sich seine persönliche Geschichte beteiligt und zu deren Verstehen seine Lebensgeschichte und sein Lebenswerk einen wichtigen Beitrag leisten können –, sondern auch die Geschichten, die er selbst geschrieben hat, wären unvorstellbar ohne diese gegenseitige Bedingtheit: ohne die Einschreibung der Katastrophen des 20. Jahrhunderts in sein Werk und ohne jene Verwandlung, die der historischen Realität im Geflecht des literarischen Textes widerfährt. Die enge Verbindung zwischen den beiden Ebenen der Zeiterfahrung – jener der erlebten Geschichte und jener des schriftstellerischen Werdegangs – bietet freilich zahlreiche Perspektiven für die Interpretation. Wie der Verfasser feststellt, bedeutete »kein anderer Autor […] dem jungen Kiš mehr als Joyce und kein Buch mehr als Ulysses« (S. 59). Nun, wenn Kiš aus Ulysses den Schluss zieht, »dass aus den Übergängen und dem Oszillieren zwischen (äußerer) Realität und (innerer) Phantasie Literatur erwachsen kann« (S. 65), bzw. wenn dabei seine Intuition, »Literatur und Realität« seien »Gegensätze«, zur Gewissheit wird (S. 62), dann liegt es nahe, dass eine gezielt poetologische Annäherung an seine Schriften auf eine ähnlich detaillierte Schilderung des zeitgeschichtlichen Hintergrundes, wie sie in Thompsons Buch unternommen wird, vielleicht verzichten könnte, zumal für Kiš »Fiktion genauso aufregend wie die Wirklichkeit sein kann« (S. 173). Angesichts des Anspruchs von Texten, deren Autor in eine Reihe mit Jorge Luis Borges, Vladimir Nabokov, Italo Calvino oder Bruno Schulz gehört (vgl. S. 16) und welche im Hinblick auf solche Familienähnlichkeit nicht zuletzt mit denen von Péter Esterházy vergleichbar sind, wäre also auch eine vorwiegend poetisch und rhetorisch ausgerichtete Untersuchung berechtigt und sachgerecht. Zugleich ist es aber nachvollziehbar, dass im Umgang mit einem derart repräsentativen literarischen Korpus aus jener Großregion Europas, deren Geschichte es durchgehend verbietet, das Tragische »in den phantasievollsten, schwärmerischsten Höhenflügen des Geschichtenerzählens« (S. 245) gänzlich aufzulösen, der historischen Kontextualisierung eine entscheidende Rolle zukommen kann. »Mitteleuropäische Autoren«, schrieb Kiš in einem Fragment, seien dazu verdammt, »ein Klavier und ein totes Pferd hinter sich herzuziehen, wo immer sie auch hingehen« (S. 448). Die Einbeziehung der Historiografie in das Lesen und die Bewertung der Schreibkunst von Danilo Kiš setzt daher eine methodologische Entscheidung voraus, die allerdings schon wegen der Beziehung seiner Person und seiner Texte zu den unterschiedlichsten Kulturen der Nachfolgestaaten der Donaumonarchie, zur Politik- und Gesellschaftsgeschichte Europas auf der Hand liegt.

Es steht außer Zweifel, dass der Verfasser der Monografie als ausgewiesener Geschichtsforscher befähigt ist, auch Quellen aufzuarbeiten, Fragen nachzugehen und Kontexte heranzuziehen, die im Horizont der streng literaturwissenschaftlichen Fragestellung mindestens zum Teil als redundant erscheinen oder der Ökonomie des nötigen Aufwandes widersprechen würden. Hinzu kommt, dass Thompson in den 1990er-Jahren längere Zeit im südslawischen Raum beruflich tätig war; so hatte er die Möglichkeit, zu seiner Arbeit vor Ort Materialien und Zeugnisse zu sammeln – auch bei Mirjana Miočinović und Pascale Delpech, der ersten und der zweiten Frau von Kiš. Um sämtliche historische, kulturelle, literarische und persönliche Aspekte von Leben und Werk zu erfassen, geht der Verfasser auf die Geschehnisse ein, die vor dem Zweiten Weltkrieg und während des Krieges in Ungarn sowie nach dem Krieg im kommunistischen Jugoslawien Kiš’ Laufbahn beeinflusst haben (angefangen von der Judenverfolgung, die zum Tod des Vaters geführt hat, bis zu den literaturpolitischen Debatten zur Zeit von Tito in Belgrad). Er erörtert u. a. den hohen Rang der Heldendichtung in Montenegro, einer literarischen Quelle, die für den Schriftsteller ebenso wichtig wurde wie später die Weltliteratur. Der Leser wird mit den Spannungen zwischen dem kosmopolitischen Denken des Autors und dem Nationalismus der regimegetreuen serbischen Schriftsteller sowie insbesondere – im Umfeld der mittels langer Zitate veranschaulichten Darstellung von Inhalt, Rezeption und ideengeschichtlichen Bezügen von Kiš’ Schriften – mit den Grundprinzipien seiner Poetik vertraut gemacht. Diesbezüglich ist der Bericht über die Plagiatsaffäre um den entstandenen Roman Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch (S. 361–377), der Kiš zum Schreiben von Anatomiestunde, dem »ersten ernstzunehmenden Buch über Intertextualität in Jugoslawien«, veranlasst hat (S. 376), ebenso aufschlussreich wie die Ergründung des Ursprungs von Kiš’ Subjektauffassung in Freuds Erklärung des Unheimlichen (S. 152–181).

Was jedoch Thompsons umfangreiches Buch zum außerordentlichen Ereignis der Kiš-Rezeption macht, ist, über den überwältigenden Informationsreichtum hinaus – der den Eindruck erweckt, der Verfasser habe keine Einzelheit des groß angelegten historischen und poetischen Tableaus vernachlässigt –, jene Empathie, mit der er das feinfühlig gezeichnete Porträt des Schriftstellers und praktisch alles, was er je geschrieben hat, aufeinander bezieht. Die so entstehende Synthese enthält viel mehr als eine positivistisch ausgerichtete Interpretation, die jedes Stück der zur Verfügung stehenden Dokumentation zu Hilfe nimmt, um ein womöglich vollständiges Bild vom Lebenswerk zu geben. Solche Bestrebung ist zwar Thompson nicht fremd. Die enzyklopädische Beschaffenheit seines Buches lässt sich jedoch vornehmlich auf die Verinnerlichung der Einsicht von Kiš zurückführen, Literatur sei nichts anderes als »der Versuch einer umfassenden Wirklichkeitssicht« (S. 101).

Obwohl Kiš als Schriftsteller »seine Verwandten nie in die Todeslager begleitet« hat (S. 88) – fünfzehn Mitglieder seiner Familie starben in Auschwitz –, sind seine Erzählungen unübersehbar auch Erinnerungswerke gegen die Wirklichkeit des gewaltsamen Todes; sein Roman Garten, Asche (1965) ist mit dem Roman eines Schicksallosen (1975) von Imre Kertész verwandt (vgl. S. 135). Die wiederkehrenden Ausführungen von Thompson über die Beziehung von Kiš zur jüdischen Tradition lassen die Frage als seine eigene erkennen: Wie kann Fiktion das Ausmaß des Leidens, von dem das sachliche Wissen nicht Rechenschaft geben kann, in eine ästhetische Erfahrung umwandeln, welche die »sinnlose Wiederholung und Inkohärenz der historischen Wirklichkeit […] in eine nachvollziehbare Erzählform« bringt (S. 403)? Dadurch kann ja zur – literarischen – Wirklichkeit werden, was ansonsten unvorstellbar wäre und was das tiefste Anliegen des letzten Erzählzyklus von Kiš ist (Enzyklopädie der Toten, 1983): dass kein einziges Leben vergessen und – gerade durch die lyrische Dichte des Textes – jede Kleinigkeit, die für irgendjemanden je wichtig war, im poetischen Gedächtnis aufbewahrt werde. Kiš’ Ideal war »ein Werk, das man nach dem ersten Lesen wie eine Enzyklopädie verwenden konnte« (S. 67).

Der von der Figur der Synekdoche gesteuerten Verdichtung wird Thompsons Monografie durch ihre Bewegung in entgegengesetzter Richtung gerecht. Sicherlich verbirgt ihr Anspruch auf Totalität Risiken, denn dieselben Auskünfte, die manche Leser nützlich finden werden, mögen anderen überflüssig erscheinen. Dieser Anspruch ist aber selbst Zeugnis – wie auch die Zuordnung der einzelnen Kapitel zu Sätzen aus Kiš’ Geburtsurkunde und überhaupt die kunstvolle typografische Gestaltung des Buches – der restlosen Identifizierung des Verfassers mit seinem Gegenstand: dem Schicksal eines Künstlers, seinem »intertextuellen Gespür für Tradition« und seinem »Drang, in der Literatur eine Heimat zu finden« (S. 111).

 

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 1 (2019), Jg. 14 (68), Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 120–123.