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Axel Dornemann: Heimwehland | Rezension

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Fruchtbares Leiden

Axel Dornemann (Hg.): Heimwehland. Flucht – Vertreibung – Erinnerung. Ein literarisches Lesebuch. Hildesheim: Georg Olms Verlag 2018. 779 S.

Von Georg Aescht

„Wir hatten eine schöne Kindheit, und nun ist sie zu Ende, wir waren Statisten in einem Stück, dessen glücklicher Ausgang uns garantiert war am Tage unserer Geburt, und jetzt warf man uns mitten in eine Tragödie, deren Gesetze uns vollkommen fremd waren – obwohl es einen im letzten Winkel des Bewußtseins ein wenig schmeichelt, wenn eine so schwierige und ergiebige Rolle einem zugemutet wird. Die Angst hört sofort auf, wenn der Verlust eingetreten ist, vor dem man gezittert hat.“ (S. 191). Und: „Wenn es wahr ist, daß derjenige, der sich inmitten schwieriger oder unerwarteter, schmerzender Ereignisse darauf vorbereitet, sie später weiterzuerzählen, seinen Mit-Lebenden und vielleicht Mit-Leidenden gegenüber im Vorteil ist, so begann mein Vorteil auf jener Fahrt.“ (S. 195).

In diese nachgerade galgenhumorigen Worte hat Christa Wolf die schmerzliche Widersprüchlichkeit ihrer schriftstellerischen Berufung gefasst, der sie in der DDR nur bedingt nachkommen konnte. Der verqueren Dialektik gibt die essayistisch versierte Soziologin Elisabeth Pfeil, laut den bio-bibliografischen Angaben des Herausgebers eine „Pionierin der gesellschaftspolitischen und psychologischen Vertriebenenforschung“ (S. 767), zusätzliche existentielle Kontur: „Wem das Flüchtlingslos den Ausweg auftut, sich selbst zu verlassen und in eine überpersönliche Aufgabe hineinzuwachsen, wem die Welt durch seine leidende Erfahrung geahnter, gewußter, gefühlter wird, der wird nicht weniger leiden, vielleicht, aber fruchtbarer leiden.“ (S. 668).

Axel Dornemann, ein trefflich bewährter und literaturwissenschaftlich bewehrter Kenner der Thematik und der einschlägigen Sekundär- und Primärliteratur, hat in einem massiven Band akribisch gesammelt, was „gilt“. Und das Ergebnis ist dergestalt, dass man es nicht nur gelten lassen kann. Es ist nämlich, und das ist die herausragende Leistung, das Gegenteil einer „Leistungsschau“: Es ist ein Lesebuch, das keineswegs Leselust bedient, sondern Achtung gebietet vor jenen, die sich vom Unsäglichen und Unsagbaren nicht die Sprache haben verbieten lassen – jenseits der Erschütterung vor den geschilderten Schicksalen. Dabei stehen eingangs mit Christa Wolf und Elisabeth Pfeil nicht von ungefähr zwei Frauen. Ich habe keine Prozentrechnung angestellt, aber der Frauenanteil in diesem Buch ist hoch – wiewohl man das nicht erfreulich finden mag, für Freude ist hier kein Ort. Es ist eine schlichte Feststellung: Menschliches Leid und Elend ist in der (Schreib-)Hand von Frauen besser aufgehoben. Die hier davon erzählen, hatten das derzeitige Allerweltswort Empathie wahrscheinlich gar nicht zur Hand, geübt und geschrieben haben sie schlicht Menschlichkeit. Davon zeugen, dafür zeugen auch Texte von Christine Brückner, Tanja Dückers, Gertrud Fussenegger, Ursula Höntsch, Helga Lippelt, Dagmar von Mutius, Monika Taubitz.

„Unversöhnlichkeit […] ist genreuntypisch und kommt in diesem Buch auch nicht vor.“ (S. 727). Diesen Programmpunkt stellt Axel Dornemann in seinen Nachbemerkungen heraus. Nicht gescheut hat er allerdings – und das ist ein besonderes Verdienst – auch „Stellen“, an denen man heutzutage mit „identitätspolitisch“ geschärftem und „korrekt“ geeichtem Sensorium beim Lesen aufschreckt oder gar erschrickt. Arno Schmidt hat Anmerkungen zur Vernichtung der Juden, die man ihm nicht zutrauen möchte, sich selbst aber zumuten muss. Ruth Storm bleibt einem Vokabular verhaftet, das ihrerzeit üblich war, mittlerweile aber dem Schweigen anheimgegeben ist.

Selbst die noblen Gertrud Fussenegger und Dagmar von Mutius eröffnen – und das muss man ihnen mitnichten vorwerfen, sondern zugutehalten – erzählerische Horizonte, hinter denen die Sonne nur noch untergeht. „Um so unfaßlicher ist es für die Polen, mit ansehen zu müssen, wie wir auch am späten Sonntagabend immer noch singend auf den Leiterwagen hinausfahren, um das letzte Fuder einzuholen. Und wie selbst das Tragen von vielen Zentnersäcken auf den obersten Boden des Speichers uns Frauen nicht abhält, zwar keuchend, aber doch lachend den Polen einen guten Abend zu wünschen.“ (Dagmar von Mutius, S. 349) Gertrud Fussenegger erzählt von ihrer böhmischen Amme, die dem Säugling Gertrud zuliebe das eigene Kind vernachlässigt: „Empörende Verhältnisse –? Das sagen wir heute. Sie wurden damals als nur natürlich empfunden. Wir würden erwarten, daß sich der Schmerz der beraubten Mutter in Wut und Haß gegen den fremden Säugling wenden würde. Nichts davon. Die Energien der Mutterliebe, einmal umgepolt, flossen dem Milchkind zu, also mir“. (S. 57).

Angelika Jakob erzählt erbarmungslos vom erbarmungslosen Kampf um einen Platz im Fluchtwaggon: „Karlas Wille erzwingt sich Anrecht auf den Zug, obwohl er ins Dunkel führt, und obwohl um ihrer und der Mutter Rettung willen und weil sie stärker und rücksichtsloser sind, ein weinender Junge zurückbleibt, dessen Mutter, mit dem Säugling im Arm, verzweifelt aus dem Fenster schreit. – Kann ein neues Leben, das so schmählich anfängt, endlich gut werden? Der Himmel ist ungerecht.“ (S. 72) Fürchterliches steht geschrieben in diesem „Lesebuch“. Axel Dornemann und der Georg Olms Verlag haben es lesenden Auges aufgenommen, aufbereitet und ausgebreitet.

Die „moderne“ deutsche Literatur hat sich mit zweifelhaftem Erfolg um die Härten gewunden, Autoren wie Jörg Bernig, Margot Ehrich oder gar Anna Seghers haben das Furchtbare „modern“ zu sagen versucht, zumindest angesprochen, und Christoph Hein hat die Geschichte einer Vergewaltigung zur Abrechnung mit dem ideologischen Diktat der DDR umgewidmet. Kaum erträglich, erst recht zu ertragen sind ideologisch eingefärbte Verdikte, wie sie etwa Ulrike Draesner oder Theodor Buhl erlassen – wohl im Vollbewusstsein historischen Rechthabens. Draesners Szenario kommt mit lyrisch-pädagogischem Zeilenbruch daher: „die Wochenschau zeigte sich an Dachbalken drehende Kinderleichen neben ihren die Zungen weit herausstreckenden / Mutterleichen, Selbstmorddorf Wildenhagen, richtige Deutsche brachten lieber / ihre Söhne und Töchter / um und starben dann selbst, als ohne Nazis zu leben.“ (S. 309). Theodor Buhl leistet sich gar eine Pointe: „Wenn die Kinderwagen und die Leiterwagen sie nicht daran gehindert hätten, wären sie im Gleichschritt abgerückt, die Schlesier.“ (S. 294). Denen, über die da geschrieben wird, bleibt erspart, es zu lesen.

Trost spenden allenfalls einprägsame Bilder: Helga Lippelt erzählt von einer Mutter im Deportationszug, die nur noch zwei Windeln hat und die eine stets in den Fahrtwind zum Trocknen hängt. Dagmar von Mutius klagt: „Was für eine armselige Zeit, in der man die Tiere, die tapfersten Begleiter, vergessen muß, und sie mit ihrer Treue dann eines Tages allein vor verödeten Türen sitzen und monatelang suchen und klagen und ihre Verlassenheit nicht verstehen.“ (S. 353). Und der Herausgeber schenkt uns, vermittelt von Günter Grass, einen wunderbaren Spruch von dessen Großtante: „Ech waiß, Ginterchen, em Wästen is bässer, aber em Osten is scheener.“ (S. 648).

Siegfried Lenz und Heinz Piontek fehlen natürlich ebenso wenig wie Arno Surminski, Hans Lipinsky-Gottersdorf oder Horst Bienek, die Bücher stehen seit langem im Gespräch. Sprechen sollte man allerdings jenseits allfälliger Rührung über die Geschichte von Fritz Nendel, in der eine alte Einwohnerin der „Bloodlands“ einer „Verschollenen“ mit frischen Lappen für ihre wunden Füße hilft, weil sie „mehr begriffen hat als die meisten Staatsmänner der Welt. Nämlich daß der Sieger erst dann zum wirklichen Sieger wird, wenn er des Besiegten Wunden verbindet, anstatt sie zu mehren.“ (S. 333). Das klingt ergreifend und mag sich so zugetragen haben, erzählenswert ist es allemal, aber schlüssig nur bedingt, denn diese alte Frau ist beileibe keine Siegerin, schon gar keine, die Wunden mehren würde.

So gerät dieses Lesebuch zu einem Erlebnis, das dauernd und andauernd hinterfragt werden muss. Der Verzweiflung des polnischen Schriftstellers Stefan Chwin, der bei einer Lesung auf einen unversöhnlichen Vertriebenen trifft, darf man nicht folgen, seine Bedenken allerdings muss man mehr denn ernst nehmen: „Ich denke immer öfter, dass Europa nur durch einen vollkommenen Gedächtnisverlust erlöst werden könnte.“ (S. 414). Bei Axel Dornemann nun steht auf 779 Seiten, wieso jeder andere Weg schwerer und besser ist.

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 2 (2021), Jg. 16, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 233–235.

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