Mit kritischem Blick, aber tiefer Verbundenheit mit dem Donau-Karpaten-Raum, nimmt uns Hans Dama in seinen Reiseaufzeichnungen mit in eine Welt, die gleichzeitig fern, und doch so vertraut auf uns wirkt

Wien-Strebersdorf: eine trocken-kalte Oktobernacht, in der rauchende und geschäftig wirkende Reisende vier Pkws vollstopfen, nicht zuletzt Thermosflaschen und Unmengen von Verpflegungssemmeln dazu, denn die Route wird alles andere als leger zu bewältigen sein: Lang ist der Weg nach »Halb-Asien« und problemreich gewiss auch.

Während einer kleinen Pause, gleich hinter der ungarischen Schengen-Grenze, erste Anzeichen von EU-Gepflogenheiten; zumindest mit Florenz aber hat die Grenzstation Hegyeshálom etwas gemeinsam: das Abkassieren der Gebühren für Toilettenbenützung in Cent. Natürlich – wie könnte es auch anders sein – quasi als verborgener Import-Zoll für immanente Flüssigkeiten aus den EU-Bruderstaaten, sprich aus Österreich.

Östlich von Budapest empfängt die Insassen der im Konvoi fahrenden Pkw das morgendliche Alföld, jene Donau-Theiß-Tiefebene – bei uns besser als Puszta bekannt –, an deren östlichem Rand die rotgoldene Sonnenkugel optimistisch und gemächlich über den Horizont zu rollen versucht. Wir befinden uns auf historischem Boden: Awaren, Gepiden, Goten, Hunnen, Türken, Tataren und andere ruhelose Völkerschaften überschwemmten unentwegt das Land, verbreiteten und hinterließen als Beförderer ins Jenseits allerorts Angst und Schrecken.

Heute ist’s ruhig hier, und die verschlafenen Blicke der Mitreisenden schweifen mitunter zu den das Tiefland belebenden Waldstreifen – Baumzeilen wäre der treffende Ausdruck. Flach und reglos liegt die Landschaft in der Agonie einer längst entzauberten Nacht.

Dann: Keine gespenstisch-drohend wirkenden Kalaschnikow-Träger an der ungarisch-rumänischen Grenze, keine kilometerlange Warteschlange wie vor 1990, auch keine Übergabe von Kent- oder Kaffee-Päckchen, Strumpfhosen und Cola-Dosen an begehrliche Zöllner verzögern unsere Einreise. Lediglich die Pässe werden kurz geprüft, zurückgereicht und höflich »Gute Fahrt!« – in der Landessprache »Drum bun!« – gewünscht. Die jungen Gesichter wirken charmant, ja fast einladend. Vergessen sind die versteinert-gelangweilten Mienen dynastischer Zollgötter von einst mit ihrem Macht ausstrahlenden, nicht selten beleidigenden Getue.

Eine endlose Hügellandschaft gewährt uns danach die Durchfahrt: Kettenförmig angelegte und jahrhundertelang gewachsene Straßendörfer zwischen Großwardein und der siebenbürgischen Kulturmetropole Klausenburg, das einst römische Napoca in der Provinz Dacia Porolissensis, säumen die recht gut ausgebaute Nationalstraße. An den Häusern entlang schlendern Menschen mit verhärmten Gesichtern, gehen anscheinend ihren Erledigungen nach. Ihre ständigen Begleiter sind der Staub und die allgegenwärtigen, zum Himmel stinkenden Abgase.

Obst- und Weingärten beherrschen die Hänge der Hügelketten, und irgendwie werden Erinnerungen an Grinzing wach; hier wie dort warten abgasbedampfte Trauben und Obst auf ihre Verwertung.

Dann Klausenburg, die den stolzen Titel »Munizipium« tragende 400.000-Einwohner- Stadt mit ihrer auf das Jahr 1581 zurückreichenden ersten Hochschule – heute Babeş-Bolyai-Universität, benannt nach dem rumänischen Mikrobiologen Victor Babeş (1854–1928) und dem ungarischen Mathematiker János Bolyai (1802–1860) – und einigen anderen Hochschuleinrichtungen, z. B. der Bogdan-Vodă-Universität, ist ein Ballungsraum kultureller Einrichtungen. Erwähnenswert – das Rumänische Nationaltheater, das Ungarische Theater, die Rumänische und die Ungarische Oper, das Puppentheater, die Staatsphilharmonie »Transilvania«, Fernseh- und Rundfunkstudios, Bibliotheken, darunter auch eine Österreich-Bibliothek, das Kulturzentrum der Studenten; Kirchen aller Epochen und Stilrichtungen stehen den Gläubigen verschiedener Konfessionen heute vorbehaltlos offen.

Nicht unerwähnt bleiben soll die Tatsache, dass an der Babeş-Bolyai-Universität die Lehre in drei Unterrichtssprachen erfolgt: deutsch, rumänisch und ungarisch. In der Nähe der Piaţa Unirii, in einer der Seitengassen, erhebt sich stolz und im neuen Glanz ein Renaissance-Bau mit gotischem Portal, das Geburtshaus des späteren ungarischen Königs Matthias Corvinus, der 1443 hier geboren wurde und als mehrfacher Bezwinger der Türken 1485 Wien eroberte, dort blieb und sein Reich bis zu seinem Tod, anno 1490, von dort aus regierte.

Klausenburg bietet sich aus demographischer Sicht, was die Altersstruktur der Einwohner betrifft, als Gegenpol zu Wien an: Jugend überall; nicht nur in den Hörsälen, nicht nur Studenten. Auch Jugendliche, welche die strengen Zulassungsprüfungen zur Uni nicht bestanden haben, tummeln sich in der Stadt und ziehen es vor, ein Café mit drei, vier Tischen zu betreiben, statt sich auf den Hügelketten im Wein- und Obstbau nützlich zu machen. Die ältere Generation – ich konnte es wiederholt vernehmen – stöhnt ob dieser Arbeitsmuffel: »Jetzt könnte man dieses fruchtbare Land zum eigenen Vorteil frisieren, doch wer will schon arbeiten – sprich körperlich arbeiten?« Und Schuld an dieser lähmenden Interesselosigkeit seien nur die vier Jahrzehnte Kommunismus, denn atrophierte Eigeninitiative könne nicht von jetzt auf gleich wiedererweckt werden.

»Jetzt wird es bald Probleme geben«, raunte der Fahrer plötzlich und erläuterte diesem Andeutung: Was bisher fast ohne Schwierigkeiten von unseren Rädern bewältigt werden konnte, sollte sich nun – wir hatten soeben Sächsisch-Regen, eine kulturträchtige Stadt der Siebenbürger Sachsen, verlassen und drangen in die Ostkarpaten vor – schlagartig ändern. Doch noch flog der Wagen über einsame Landstraßen durch die farbenprächtige Karpatenlandschaft, an der Marosch entlang. Die Siebenbürger Sachsen nennen den 600 km langen Nebenfluss der Theiß Mieresch, die Rumänen Mureş, die Ungarn Maros.

Wonnige Sonnenstrahlen und leuchtende Gebirgsalmen in der Ferne; entlang des Weges standen uralte Baumriesen Spalier. Nun war es aber dem Fahrer nicht mehr gegönnt, sich auch nur mit verstohlenen Blicken an der prächtigen Naturkulisse zu ergötzen; das war zu gefährlich. Doch was soll’s! Brother John kannte nach jahrelangen Reisen auf dieser Route die Strecke in- und auswendig und war sogar mit den immer dichter liegenden Schlaglöchern bestens vertraut. Abrupt verwandelte sich nun die Straße in ein flaches, langgezogenes Nudelsieb, und nur der bewährten Reaktionsfähigkeit und der slalomartigen Lenkkunst unseres »Bruders« war es zu verdanken, dass die Achsen unseres fahrbaren Untersatzes diesmal nicht in Brüche gingen, so wie das – wie er bereitwillig berichtete – schon mal passiert sei, und das mitten in dieser Einöde.

Wie simpel ist es doch in Wien, wo man die »Gelben Engel« hat, doch weit wichtiger war es jetzt für uns, dass die lokalen Schutzengel uns gewogen waren. Wir waren sehr dankbar, dass wir diese gefährlichen 15 Kilometer – wenn auch im Schritttempo – gut überstanden. Dann auf der Passhöhe: Mittagspause auf einer Waldlichtung dicht neben der Straße. Die leibliche Stärkung und der vielgepriesene österreichische Schmäh belebten nach fast zehnstündiger Fahrt die Geister wieder.

Und so setzten wir an diesem Nachmittag des 7. Oktober über, aus dem einstigen k. u. k. Siebenbürgen, dem »jenseits der Wälder« gelegenen, sagenumwobenen Transsylvanien (lat. wie rum. Transilvania), in die Moldau. Das ist jener Ostteil Rumäniens, der historisch lediglich mit seiner westlichen Hälfte bei Rumänien verblieben ist, denn jenseits des Grenzflusses Pruth erstreckt sich in der Osthälfte der Moldau, besser bekannt unter dem Namen Bessarabien, heute die Republik Moldawien. Das ist ein altes, geschichtsträchtiges rumänisches Siedlungsgebiet, welches zwischendurch zur Sowjetunion gehört hat.

Und weiter ging es in strammem Tempo durchs Land – doch plötzlich nur mehr im Schritttempo. In einer langgestreckten Kurve erkannten wir den Grund dieses gehemmten Bewegungsflusses: ein schleppendes Pferdefuhrwerk, gefolgt von einer hunderte Meter langen Fahrzeugkolonne, Lkws, Pkws, Busse und Einsatzfahrzeuge… Doch, oh Wunder, niemand hupte, keine Hektik trotz des Regenwurmtempos. Niemand schien es eilig zu haben, denn wenn hierzulande etwas im Überfluss besteht, so ist es der Faktor Zeit – endlos, fern jeder Hetzerei, quasi eine anti-Stress-Therapie – empfehlenswert für jeden Mittel- oder Westeuropäer. Hier könnte er die Zeit unbegrenzt genießen. Und als Kulisse am Straßenrand bzw. in den flachen, sich die Fahrbahn entlang schlängelnden, muldenhaften, noch wasserlosen Gräben allgegenwärtig sitzende oder stehende Menschen, zumeist männlichen Geschlechts, mit zwei, drei Tage alten Bartstoppeln, mit der Flasche in der Hand bzw. dem Zigarettenstummel im Mundwinkel. Beim Anblick dieser scheinbar aus einer anderen Welt und Zeit stammenden Gestalten kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Geschöpfe sich in ihrer Situation wohl fühlen.

Außergewöhnlich in der Moldau sind einige bemerkenswerte Toponyme wie Piatra Neamţ bzw. Târgu Neamţ, Cetatea Neamţ – das Wort »Neamţ« bedeutet deutsch. Demnach heißt es also: »Deutscher Fels«, »Deutscher Markt«, »Deutsche Burg« usw. Da seit der frühen Neuzeit in der Moldau bzw. in der angrenzenden Südbukowina (dem einstigen Buchenland), die ebenfalls als Teil von Cisleithanien zur k. u. k. Monarchie gehörte, Deutsche siedelten, ist das nicht weiter verwunderlich.

Bogdan Petriceicu Haşdeu, Pionier in Forschungszweigen der rumänischen Geschichte und Philologie, versuchte den Namen Cetatea Neamţului zu erläutern. Vermutlich ist es die einzige Festung des einst im Burzenland ansässigen Deutschen Ordens außerhalb des Karpatenbogens.

Das Bild vieler moldauischer Kleinstädte war von kleinen jüdischen Geschäften geprägt, wo sich einzelne Ortsteile zum Schtetl entwickelt hatten. Die Juden wurden vertrieben bzw. von den Nazis in Konzentrationslager verschleppt. Später wurden die Überlebenden von der kommunistischen Regierung Rumäniens gegen harte Dollars ins Ausland, vorwiegend nach Israel und in die USA, verkauft. Dadurch verarmten diese Städtchen zusehends, und anstelle kleiner schmucker Häuschen und Geschäftsgewölbe mit basarähnlichem Flair wurden kalt wirkende Plattenwohnsilos hochgezogen. Monotonie und Lethargie prägen heute das jeweilige Stadtbild.

Allmählich heftete sich die Dunkelheit an die östlichen Ausläufer der Karpaten, und aus den sanft abfallenden Vorkarpaten rollten unsere nimmermüden fahrbaren Untersätze talwärts, der Pruth-Ebene bzw. unserem Endziel, der Stadt Jassy, auf Rumänisch Iaşi, entgegen. Nachdem wir auf die gut ausgebaute Autostraße Bukarest–Jassy aufgefahren waren, ging es erneut beschleunigt in nördlicher Richtung: Vor uns ein Lichtermeer und von weitem das vertraute Logo des Metro-Marktes, rechts vor der Stadteinfahrt im Süden. Geschäftiges Treiben auf dem Mega-Parkplatz vor dem Riesengebäude. Nun mussten wir noch auf der Süd-Nord-Achse fast die ganze Stadt umfahren, die mit ihren 325 000 Einwohnern zu den großen urbanen Zentren des Landes zählt.

Gemächlich, aber gezeichnet vom landesweiten und grenzüberschreitenden Staub, rollten die vier Motorkutschen nach fast 1200 überwundenen Straßenkilometern ein in den langgestreckten Hof des im Sommer 2003 seiner Bestimmung übergebenen »Klosters«, das eher wie ein südländisches Superhotel anmutet und bei dessen Einweihung sich viel in- und ausländische Politprominenz und Geistlichkeit eingefunden hatte. Im Grunde dient das mit ausländischer – deutscher, österreichischer und spanischer – Unterstützung errichtete und von der Kongregation der Christlichen Schulbrüder geführte Haus der Begegnung vorrangig als Heim, ja Heimat für Waisenkinder. Der offizielle Name »Kloster« soll der Einrichtung zur Gnade vor den – um im Satrapenvokabular des Perserkönigs Dareios zu sprechen – »Augen und Ohren« des auch in Rumänien allgegenwärtigen Finanzamtes verhelfen.

Der herzliche Empfang durch die dort lebenden rumänischen und spanischen Brüder sowie das darauffolgende Abendmahl nach 17-stündiger Fahrt ließen Entspannung und Freude aufkeimen, ja Genugtuung, denn diese Karpatendurchquerung hatte Optimismus, viel Kraft und Energie gefordert. Vordergründig zwar mechanische Energie, jedoch befeuert von menschlichem Können und großer Anstrengung.

Als auch das unharmonische Kläffen der Nachbarhunde – diente es wohl als deren Begrüßung oder eher der Störung unserer Ruhe? – in der abendlichen Kühle verebbt war, konnte man vom dritten Stockwerk des auf einem der sieben Hügel (Gemeinsamkeit mit Rom) gelegenen Neoklosters mit weitreichendem Blick die Stille genießen, die sich im Ausklang des Tages über die Stadt gebreitet hatte.

Allerdings blieb keine Zeit für allzu viel Romantik. Der Folgetag begann früh, Zwischenziele waren einige – unter UNESCO-Schutz stehende – mittelalterliche Moldauklöster. Wer kennt sie nicht, zumindest aus der Literatur und aus den Medien, diese im 15. und 16. Jahrhundert zumeist als Stiftungen entstandenen Bauten mit ihren rätselhaften farbenfrohen Außenfresken, die den Naturgewalten jahrhundertelang widerstanden haben. Kunsthistoriker vergleichen diese Schöpfungen mit den Wandfresken des Markusdoms in Venedig und mit denen des Doms von Orvieto. Diese Klöster sind das Ziel der aus aller Welt heranpilgernden Touristen, den Akzent bitte wohlgemerkt auf Touristen und nicht auf pilgernde setzen zu wollen!

Die spätmittelalterlichen Sakralbauten sind auch wegen ihres eigentümlichen Baustils, einer Verflechtung byzantinischer, rumänischer und mitunter diverser an Westeuropa erinnernde Stilelemente berühmt geworden. Eine »Märchenwelt« offenbart wohl das berühmteste unter den Klöstern – das von Voroneţ. Es wurde mit dem Prädikat »Sixtinische Kapelle des Ostens« versehen, und das wegen des unnachahmlichen Blaus der Fresken. Das Jüngste Gericht wurde aus didaktischen Erwägungen für die Gläubigen an der westlichen Außenwand dargestellt. Grund war der Platzmangel in der Kirche. Den so ausgeschlossenen Gläubigen – meistens Bauern – sollte die Kirchengeschichte auf diese Weise nähergebracht werden. Die Komposition der Mosaikarbeiten kann ohne weiteres neben denen der Kahrie-Moschee in Istanbul, denen aus Siena, Assisi, neben den Fresken von Ciambue und Giotto in Ehren bestehen.

Wie allerorts haben aber auch diese heiligen Stätten ihre Nachwuchssorgen, wie mir in Voroneţ Mutter Saveta (Elisabeth) erläuterte. Ihr gutes Deutsch verblüffte, und der Besuch aus Österreich bzw. aus Wien ließ ihr Gesicht mit den blauen Augen zufrieden erstrahlen.

Die Reise durch die Nordmoldau wurde begünstigt durch die Vorzüge eines hierzulande kontinentalen Herbstes mit sonnigen Tagen, denen wir in kurzen Hemdsärmeln begegneten. Es gab wohl kalte Nächte, doch an den altweibersommerlich anmutenden Tagen reifen vorzügliche Weine der Region: Merlot, Cabernet Sauvignon, Pinot Noir, Grasa de Cotnari, d. h. der »fette Weißwein aus dem Gebiet Cotnari«, dem in Österreich am ehesten der Gumpoldskirchner entspräche. Dann Bucium de Iaşi (das »Alphorn von Jassy«), ein edelsüßer Weißer mit dem Geschmack des Weinbeißers, etwa in der Richtung des Zierfandlers, vielleicht auch des Neuburgunders. Unerreicht bleiben in Reinheit und Güte hingegen die Stiftsweine der Klöster in all ihrem Variationsreichtum. Auch die Weine der mittleren und südlichen Moldau – und ich verweise hier auf das Gebiet um Odobeşti – begeistern Kenner wie Trinker. Das Bukett der »Königsmädchentraube« (Fetească regală) aber ist die Krönung der Weine aus dieser Region.

Die Mittagsstunde sollte für mich ein besonderes Erlebnis bringen: Am Fuße der legendären, in den historischen Romanen eines der bedeutendsten rumänischen Erzähler, des aus diesem Raum stammenden Mihail Sadoveanu (1880–1961), häufig vorkommenden Cetatea Neamţ liegt, in den Felsen gehauen, das rustikal eingerichtete Restaurant »Casa Arcaşului« (Bogenschützen-Haus). Das ist historischer Boden – vergleichbar mit Dürnstein in der Wachau. Minutenlang heftete ich den Blick auf die Ruinen der einst stattlichen Burg und sah Sadoveanus Romangestalten schemenhaft auf den bewaldeten Hängen, wo sie ihre Burg vor meiner Zudringlichkeit schützen wollten. Im Lokal hatten wir die Freude, unseren Freund Alf wiederzusehen, der heute erst per Bahn – ebenfalls in 17 Stunden – aus Budapest angereist war und hier zu uns stieß. Der Nachmittag war dem Besuch der von den Schulbrüdern in der Nähe der Stadt Roman betriebenen Berufsschule Pildeşti gewidmet. Stolze Gemäuer erheben sich inmitten sonnenverwöhnter Kukuruzfeldes. Hier werden Mädchen und Jungen in dreijähriger Schulzeit zu Textilarbeiterinnen bzw. zu Tischlern und Installateuren ausgebildet. Während die in der Region niedergelassenen italienischen Textilbetriebe sich um die Schulabgängerinnen reißen, ist das Männerhandwerk weniger gefragt.

Spät am Abend ging es nach lukullischem Festessen, dem natürlich eine heilige Messe in rumänischer Sprache vorangegangen war, wieder die achtzig Kilometer nordwärts, zurück nach Jassy.

Die Mehrheit der Rumänen sind orthodoxen Glaubens, denn bei der Machtübernahme der Kommunisten nach dem Zweiten Weltkrieg wurde für die Staatsnation lediglich dieses religiöse Bekenntnis toleriert: Verboten wurden u. a. die griechisch-katholische Konfession, besser unter dem Terminus »(mit Rom) unierte Kirche« bekannt. Die sogenannten Csángos (Tschangos) – eine ethnische Mischform von Rumänen und Ungarn, bekennen sich zum Katholizismus. In diesem Teil Rumäniens sind sie ausnahmsweise weit verbreitet, wiewohl rumänische Katholiken eher eine Seltenheit darstellen.

Beim Stadtrundgang durch Jassy werden Erinnerungen aus meiner Studentenzeit und späteren Reiseleitertätigkeit während der dreimonatigen Sommerferien aufgefrischt. Am Ufer des Flüsschens Bahlui gelegen, ist Jassy die Stadt der 65 Kirchen, früher auch Synagogen. Ein kleiner Obelisk erinnert den gestressten Besucher an den Pogrom von 1941: Damals wurden Juden erschlagen, weil aus einer Dachluke auf rumänische Soldaten geschossen worden war. (Man munkelt allerdings, dass die Schießenden aus der Sowjetunion eingeschleuste jüdische Kommunisten waren.) Damals mussten 15 000 Menschen ihr Leben lassen. Anschließend wurden etwa 1200 in die Waggons eines Todeszuges – in brütender Hitze ohne jegliche Verpflegung – eingeschlossen und starben ebenfalls.

Jassy – die Stadt der Denkmäler und historischen Bauten, die Stadt der Dichter und Künstler, der Wissenschaftler wie des Mäzenatentums früherer Epochen. Keine andere rumänische Stadt hat entsprechend ihrer Einwohnerzahl so viele kulturhistorische Sehenswürdigkeiten und Denkmäler zu bieten – weit über 300 sind es –, denn die Hauptstadt des Großfürstentums der Moldau über Jahrhunderte war immer schon selbstbewusst und künstlerisch-kultureller Motor des Rumänentums. Bis heute gilt sie als die kulturelle Hauptstadt des Landes, das Verhältnis zu Bukarest ist vergleichbar mit dem von Sankt Petersburg zu Moskau.

Interessant ist der zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtete Kulturpalast, ein imposantes neugotisches Gebäude, das bis 1945 als Justizpalast diente. Davor grüßen stolz zwei Krupp-Kanonen und die Reiterstatue Stefans des Großen, des siegreichen Türkenbekämpfers (seit 1457 Fürst der Moldau, 1504 verstorben).

Die Skulptur von 1883 ist ein Werk des berühmten Franzosen Emmanuel Frémiet. Was der Betrachter nicht wissen kann: Diese Statue wurde vom Historiker A. D. Xenopol (1847–1920) in Paris gekauft und stellt eigentlich Karl den Großen dar. Handelt es sich nun um ein verfälschtes Exponat, falsch informierte Touristen oder einfach um eine (gewollte) Verwechslung, um der großen Vergangenheit des moldauischen Fürsten zu huldigen? Schwer zu sagen.

Der sich über 100 Hektar erstreckende Botanische Garten in Jassy ist der größte des Landes und zählt zu den bedeutendsten Botanischen Gärten Europas.

Zahllos sind weitere Attraktionen der Stadt: die Kirche der Metropolie, die katholische Bischofskirche, die Krönungskirche. Die Kirche Trei Ierarhi (gestiftet von Fürst Vasile Lupu), errichtet 1637–1639, war einst außen mit Blattgold verziert. Hier sind bedeutende Persönlichkeiten beigesetzt, wie der Fürst und Gelehrte Dimitrie Cantemir (1673–1723), der bedeutendste Vertreter der moldauischen Aufklärung, einst Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Verfasser der Descriptio Moldaviae. Oder der erste Fürst der im Jahr 1859 vereinigten rumänischen Fürstentümer Moldau und Walachei, Alexandru Ioan Cuza, der in seiner späteren Verbannung lange Zeit in Wien zurückgezogen in einer Suite lebte.

In der Golia-Kirche fand die Begegnung zwischen Cantemir und Zar Peter dem Großen von Russland statt; sie waren gleichermaßen aufgeklärte Herrscher ihrer Zeit. Während die beiden sich sorglos an einem Gelage erfreuten, wurden ihre vereinten Truppen allerdings 1711 von den Türken besiegt, und sie mussten durch den Friedensvertrag von Stănileşti mehrere Gebiete an die siegreichen Türken abtreten.

Das offene Naturell der Bevölkerung, die Gastfreundschaft über alles stellt, obwohl diese Menschen von wiederholten Naturkatastrophen (Dürre, Erdbeben) nicht verschont geblieben sind, lassen den Fremden sich hier bald heimisch fühlen. Hast und Stress sind unbekannt. Randvolle Geschäfte bieten alle erdenklichen Waren an, wozu also Eile und Unrast? Das in der kommunistischen Zeit übliche Anstellen an jegliche Schlange, egal, was verkauft wurde oder werden sollte, ist längst Vergangenheit. Wozu also hetzen und sich sorgen?

Doch plötzlich wird man in dem friedlich anmutenden Stadtbild durch Bettlerschwärme beim ruhigen Bummeln gestört. Man ist als Ausländer geortet worden, und selbst wenn man den Heischenden scherzhaft bloß russische Rubel anbietet, weichen die bettelnden Scharen einem nicht von der Seite: Sie wollen harte Währung und probieren es eben immer wieder.

Als die Sonne sich hinter den kupferfarbigen Karpatenkämmen westwärts abgesetzt hatte, tauchte die Stadt in ein langsam verblassendes, diffuses Rotgelb, worauf die Dunkelheit von ihr Besitz ergreift. Doch alsbald entschädigte der Vollmond den Betrachter für seine Geduld; unsere letzte Nacht in Jassy kündigte sich kalt und still an.

Kurz wie die Dämmerung war auch unser Schlaf, denn man war in Gedanken schon auf der langen und beschwerlichen Rückreise. Allerdings erwiesen sich die stillen Befürchtungen – Gott sei Dank! – als unbegründet. Im frühen Sonntagsverkehr kam unser Konvoi zügig voran: Nach zehnstündiger Fahrt erreichten wir wohlbehalten Wien; und das dank der zuverlässigen Brother-John-Airlines, wie Bruder Johann wegen seiner zügigen Fahrweise spaßeshalber genannt wird.

Hans Dama

 

Hans Dama, 1944 in Sânnicolau (dt. Großsanktnikolaus), Rumänien, geboren, studierte u. a. Germanistik und Geographie und promovierte 1980 an der Universität Wien. Seine zahlreichen Gedichte und Prosawerke erschienen in den unterschiedlichsten Zeitschriften, u. a. in Mexiko. Fachlich setzt er sich sowohl mit interkulturellen Beziehungen als auch mit der Literatur aus dem Banat auseinander. Neben dem Schreiben ist Dama auch als Übersetzer tätig, 2003 wurde ihm beim 23. Lucian-Blaga-Festival der Übersetzer-Preis verliehen. Zuletzt sind von Dama die Lyrikbände Im Werden reift Vergehen und Banat-Gedichte erschienen.

 

Zuerst erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 2 (2015), Jg. 10 (64), Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 216–222.