Von Silvia Petzoldt

1. Einleitung und Fragestellung

Eine komparatistische, sprachenübergreifende Analyse der Literatur aus Siebenbürgen erfordert ein differenziertes methodisches Inventar, das deren historischen Kontext und ihre sprachlich-kulturellen Besonderheiten ausreichend würdigt und zugleich in eine neue wissenschaftliche Perspektive rückt. Erst dann, so die These des folgenden Beitrags, ist es möglich, diese Literatur bzw. deren Werke in ihrer Deutung kultureller Differenz angemessen zu dechiffrieren. Anhand der Romane Fünf Liter Zuika (1961/65) des Siebenbürger Sachsen Paul Schuster und Die Schweizer Villa (1981) des Siebenbürger Ungarn Pál Bodor wird das Potenzial dieser Texte, Identität zu stiften oder zu dekonstruieren, untersucht. Dazu ist ein Rückgriff auf das Konzept »kultureller Texte« von Aleida Assmann sinnvoll. Kulturelle Texte erfüllen, so Assmann, die »Funktion der Sicherung einer kollektiven Identität«:

Hinter dem kulturellen Text steht der Anspruch auf eine verbindliche unhintergehbare und zeitlose Wahrheit. Die Sicherung solcher Identität erfordert ein Rezeptionsverhalten, das als Verehrung, wiederholtes Studium und Ergriffenheit zu kennzeichnen ist. Wenn der literarische Text zum Genuß bestimmt ist, dann ist der kulturelle Text zur Aneignung, zur vorbehaltlosen Identifikation bestimmt.(1)

Die Wahrnehmung als literarischer und/oder kultureller Text wird somit vom Rezeptionsverhalten und dem Bildungskanon bestimmt. Kulturellen Texten haften sakrale Züge an. Sie vermitteln eine identitätsstiftende Wahrheit. Nicht der individuelle Leser wird in den Blick genommen, sondern das Kollektiv. Die Überlegungen Assmanns lassen sich nicht unmittelbar auf die im Folgenden zu untersuchenden Romane übertragen; sie bieten jedoch Anlass, diese nicht nur in ihrer ästhetischen Ausgestaltung, sondern auch in ihrer kulturellen Bedeutung zu untersuchen. In beiden Romanen sind die Protagonisten Teil des imaginierten Kollektivs der Siebenbürger Sachsen in den wirtschaftlichen und politischen Umbrüchen nach dem Ersten Weltkrieg. Die Adressaten der Texte – die Angehörigen der deutschen und ungarischen Minderheit – können als »Repräsentant[en] eines Kollektivs, als Mitglied[er] einer Gruppe, als Teil[e] einer größeren Einheit« betrachtet werden.(2) Die Repräsentation der Zwischenkriegszeit in beiden Romanen ist als Versuch zu interpretieren, sich die Geschichte Rumäniens unter den Vorzeichen des kommunistischen Gesellschaftssystems literarisch anzueignen und unter verschiedenen Blickwinkeln in den mehr oder weniger latenten Erinnerungs- und Identitätsdiskurs der Minderheiten zu integrieren. Das Erkenntnisinteresse im Rahmen einer vergleichenden Analyse erweist sich im Hinblick auf den literatur- historischen Kontext bzw. auf die unterschiedlichen Phasen des kommunistischen Gesellschaftssystems zunächst als fragwürdig, sind doch beide Romane eindeutig als Zeugnisse ihrer Entstehungszeit und als Bestandteile der jeweiligen Minderheitenliteraturen zu deuten: Der Zuika-Roman Schusters knüpft an die Form des historischen Monumentalromans und den kommunistischen Fortschrittsgedanken an; Die Schweizer Villa hingegen nährt sich von dem Anspruch, die Folgen des Antisemitismus in den 1930er und 1940er Jahren in Rumänien im Bewusstsein der Figuren offenzulegen und deren Handeln zu hinterfragen. Die hier eingenommene globale Perspektive auf zwei Prosatexte aus Siebenbürgen wurde ausgehend von der These gewählt, dass kulturelle Differenz im Sinne kultureller Andersartigkeit ethnischer Gruppen zentrale Bestandteile dieser Texte sind und die Handlungsoptionen der einzelnen Figuren determinieren. Rogers Brubakers kognitiver Ansatz der »Ethnizität ohne Gruppen« liefert für die folgenden Überlegungen zum literarischen Blick auf die ethnischen Minderheiten in Siebenbürgen und die Frage der Wahrnehmung des »Fremden« einen wichtigen Ausgangspunkt: »Cognitive perspectives suggest treating racial, ethnic, and national groups not as substantial entities but as collective cultural representations, as widely shared ways of seeing, thinking, passing social experience, and interpreting the social world.«(3) Ethnische Gruppen werden als Konstruktionen verstanden, demzufolge rücken der Prozess und die Bedingungen von deren Wahrnehmung in den Mittelpunkt der Analyse. Im folgenden Beitrag wird des Weiteren untersucht, inwiefern die ausgewählten literarischen Texte an diesem Konstruktionsprozess teilhaben und dabei die Grenzen ethnischer Markierungen hinterfragen.

Als Medien für die Untersuchung der Konstruktion des religiös, ethnisch oder allgemein kulturell Anderen fungieren, wie bereits angeführt, der 1961 bzw. 1965 publizierte Roman Fünf Liter Zuika des in Hermannstadt/Sibiu geborenen Schriftstellers Paul Schuster (1930 – 2004) und der 1981 erschienene Roman Die Schweizer Villa des ungarischen Schriftstellers und Redakteurs Pál Bodor (geboren 1930). Für die Fragestellung spielt die Gestaltung der Erzählinstanz eine wichtige Rolle. Dieser obliegt die Selektion der Geschehensmomente, die Veranschaulichung der Figurenperspektiven sowie die Informationsregulierung zwischen Text und Leser. Angesichts der interkulturellen Thematik der Romane stellt sich darüber hinaus die Frage, inwieweit eine kollektive Identität der Figuren, die einer »ständigen Binnenstärkung durch das ›kulturelle Gedächtnis‹ […] in Form von Ritualen, festen Einheitssymbolen und -mythen […] sowie durch das stigmatisierende Konstrukt einer kollektiven Alterität« bedarf, »um sich ihre Überlegenheit zu bestätigen«(4), thematisiert wird. Generell geht die Untersuchung von der Prämisse aus, dass die Phänomene kulturelle Identität und kulturelle Differenz in einem Wechselverhältnis stehen. Kulturelle Differenz kann in diesem Sinne als ein in der Begegnung von Angehörigen unterschiedlicher Kulturen auftretendes Phänomen gefasst und als Wahrnehmung des Andersseins in der Kommunikation verstanden werden. Dreher/Stegmaier formulieren in diesem Zusammenhang: »Es sind nicht ›die Kulturen‹, also die kulturellen Systeme selbst, die sich begegnen – sich begegnen können nur Menschen. Diese tragen schon immer die Erfahrungen des Andersseins gegenüber den begegnenden Individuen und deren sozialen Welten in sich. Verständigung ist allenfalls approximativ möglich.«(5) Entscheidend ist, ob der Andere in seiner »Andersheit« oder in seiner »Ähnlichkeit« wahrgenommen wird. Aus den reziproken Prozessen von Selbst- und Fremdwahrnehmung erwächst schließlich Identität.(6) In der interkulturellen Begegnung treten Irritationen, Unsicherheiten und Konflikte auf. Kulturelle Differenzen konstituieren ethnische Identitäten, indem die Identifikation der sich Begegnenden als Ungarn, Rumänen, Deutsche usw. initiiert wird. Dieser Aspekt einer Begegnung unterschiedlicher Ethnien ist in Schusters Roman stärker präsent; in Die Schweizer Villa hingegen sind die Figuren in erster Linie politischen Weltanschauungen verpflichtet, die aus ihren individuellen Herkunftsgeschichten und ihrem sozialen Status resultieren. Sprache und Religion konstituieren das konkrete »Anderssein« und das Austarieren von Grenzen ethnischer Gruppen im Alltag. In den vorliegenden literarischen Texten ist kulturelle Differenz an eine vermittelnde narrative Instanz gekoppelt, die Einblicke liefert in die Gedankenwelt der Figuren. In dieser Hinsicht wird eine weitere Dimension von kultureller Differenz – die metasprachliche Ebene – eröffnet, die sich in den Vorstellungen bzw. Imaginationen des Erzählers und der Protagonisten vom Eigenen und Fremden äußert. Die Deutung dieser Perspektiven obliegt letzten Endes dem Leser, dessen Rezeptionshaltung ebenfalls durch bestimmte Dispositionen wie Kultur und Sprache gesteuert wird.

2. Kultur und kulturelle Differenzen im Kontext des Kommunismus

»Die Konzeptualisierung von Kultur und kultureller Differenz ist kontextabhängig. In einem auf ethnische Reinheit bedachten Staat wird kulturelle Differenz anders thematisiert als in einem pluralistischen, multiethnischen Staat, in einem laizistischen anders als in einem klerikalistischen etc.«(7) Kulturelle Differenz und Kultur sind Moosmüller zufolge somit »keine Abbildungen der Realität, sondern Konstrukte, die im Zusammenhang mit den jeweiligen Kontexten und Diskursen zu sehen sind.«(8)

Im kommunistischen Rumänien wurden kulturelle Eigenheiten ethnischer Gruppen den ideologischen Vorgaben der Rumänischen Kommunistischen Partei bzw. dem marxistischen Klassenkampf entsprechend interpretiert. Der Einzelne wurde in erster Linie anhand seiner sozialen Herkunft bzw. seines gesellschaftlichen Status definiert.(9) Seit dem Machtantritt Nicolae Ceauşescus 1965 setzten sich zunehmend die Vorstellung eines homogenen Nationalstaates und damit die »Rumänisierung« aller Lebensbereichedurch.(10)

Die Perspektive auf kulturelle Differenzen im kommunistischen Rumänien war somit von einer doppelten »Einheitsvorstellung« – der sozialistischen und der nationalen – geprägt, welche u. a. zu einer politisch-ideologischen Vereinnahmung der Minderheiten im Zuge der Gründung der Räte der Werktätigen deutscher und ungarischer Nationalität in Rumänien seit 1968 führte.(11) Der Anspruch, Abschnitte aus der Geschichte Rumäniens literarisch zu repräsentieren, ist sowohl in Schusters als auch in Bodors Roman gegeben. Die Deutung erfolgt aus einer gegenwärtigen Perspektive; diese macht sich beispielsweise in der Themenwahl und der räumlichen Ansiedlung des Geschehens bemerkbar. Die beiden Romane können als »gebrochener Spiegel« der Realität analysiert werden. Die interethnischen Beziehungen gehen, sofern in der Periode des Kommunismus überhaupt thematisiert, als Splitter der gesellschaftlichen Wirklichkeit(12) – den poetologischen Regeln des Kunstwerks entsprechend – in das Medium der Literatur ein. Dabei können die untersuchten Romane m. E. im Rahmen eines mimetischen Modells bzw. eines Modells der Repräsentation von Kultur im weitesten Sinne interpretiert werden. Sie repräsentieren den historischen Abschnitt der Zwischenkriegszeit, die Auswüchse der nationalsozialistischen Politik sowie des Antisemitismus in Siebenbürgen und die Frage nach Identität und Zukunft der deutschen Minderheit in Rumänien. Die dreistufige Annäherung an die Romane vor dem Hintergrund der Konstruktion ethnischer Gruppen, der literarischen Verarbeitung kultureller Differenz und der Interpretation der Texte als Teil einer umfassenden siebenbürgischen Kultur ermöglichen kulturwissenschaftlichen Forschungen aufschlussreiche Erkenntnisse bezüglich sog. »Minderheitenliteraturen« und ihrer Bedeutung im Rahmen der vergleichenden Literaturwissenschaft. Die den »Literaturen der Ränder« zugehörigen Texte einer umfassenderen Interpretation zuzuführen, die sich nicht an den Grenzen sog. »Nationalliteraturen« erschöpft, sieht sich der vorliegende Beitrag verpflichtet.

3. Der zweibändige Roman Fünf Liter Zuika (1961/1965)

Der siebenbürgisch-deutsche Schriftsteller Paul Schuster gehörte zu den produktivsten rumäniendeutschen Schriftstellern seiner Generation. Neben Kurzprosa verfasste er längere Erzählungen – Der Teufel und das Klosterfräulein (1956) oder, bereits in der Bundesrepublik Deutschland, die Erzählung Heilige Cäcilia (1986). Das literarische Schaffen des Autors ist durch ein Spannungsfeld zwischen im Sozialistischen Realismus verbleibender Ästhetik und erneuerndem, zum Teil noch an älteren rumänien- deutschen Schriftstellern wie beispielsweise Otto Fritz Jickeli (1888 – 1960) orientiertem Schreiben gekennzeichnet. Der in zwei Bänden publizierte Zuika-Roman thematisiert die Geschichte der Siebenbürger Sachsen in der Zwischenkriegszeit unter den Vorzeichen des Nationalsozialismus. In einem spannungsreichen Bogen von

1918, dem Anschluss Siebenbürgens an Rumänien, bis zum Einzug junger Deutscher aus Siebenbürgen 1943 in die Waffen-SS zeichnet der Roman den Lebensweg einer siebenbürgisch-sächsischen Familie über drei Generationen nach. Ein besonderes Augenmerk liegt in dem ursprünglich als Trilogie konzipierten Roman auf der Periode der »Deutschen Volksgruppe in Rumänien« seit 1940 bzw. der »Erneuerungsbewegung«, durch die die siebenbürgisch-sächsischen Gemeinden, ihren Einfluss auf die kirchlichen Institutionen ausdehnend, nach nationalsozialistischem Vorbild neu organisiert wurden.(13) Der Roman behandelt v. a. im zweiten Band die Frage, ob und wie sich die Protagonisten gegenüber dem politischen Radikalisierungsdiskurs(14) positionieren. Der Erzähler bedient sich dabei mimetisch-realistischer Verfahren, die eine Identifikation des siebenbürgisch-sächsischen Lesers mit der Romanwelt provozieren. Mit der Ausreise Paul Schusters 1971 in die Bundesrepublik Deutschland bleibt der dritte Band des Romans unvollendet, in dem die Geschichte der deutschen Minderheit nach 1945 verarbeitet werden sollte.(15) Die Entwicklungen verhinderten die Fortsetzung des Romans; Schuster sah in der zunehmenden Auswanderung der Deutschen aus Rumänien keine realistische Grundlage mehr für die Umsetzung der ursprünglichen Romankonzeption.(16)

4. Der Roman Die Schweizer Villa von Pál Bodo (1981, A Svájci Villa)

Der ungarische Roman Die Schweizer Villa von Pál Bodor, erschienen erstmals 1981 im Kriterion Verlag Bukarest unter dem Titel Svájci villa, handelt von der moralischen Integrität der Figuren angesichts der antisemitischen Radikalisierung in Rumänien in der Zwischenkriegszeit. In dieser Hinsicht kennzeichnet den Roman im Unterschied zu Schusters Fünf Liter Zuika ein reflektierender Blickwinkel, dem ein Diskurs über die Ursachen und Auswirkungen des Antisemitismus in Rumänien zugrunde liegt. Die Schweizer Villa erzählt im Rückblick die Geschichte der deutschen Familie Binder aus Siebenbürgen vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Aufschwungs der 1930er Jahre. Die deutsche Ausgabe wurde um das bereits in den 1950er Jahren angesiedelte Kapitel gekürzt, so dass mit der deutschsprachigen Ausgabe der Eindruck eines Bildungsromans entsteht. Laut Balogh handelt es sich bei Bodors Roman um den »einzige[n] Roman, der in vollem Umfang den Sachsen gewidmet ist – und der – verglichen mit den vielen anderen kleinen Schriftstücken – auch den anspruchsvollsten Text darstellt«.(17) Anschaulich werden die sich verschärfenden Interessengegensätze und unterschiedlichen Weltanschauungen präsentiert. Im Unterschied zum ZuikaRoman geht es jedoch nicht um die Demontage des Selbst- und Fremdbildes der Siebenbürger Sachsen als »völkische Einheit«(18), sondern vorrangig um die emotionalen Konfliktlinien zwischen dem Ehepaar Friedrich und Sophie Binder. Auch in Die Schweizer Villa bietet die Herkunft der Protagonisten Anlass, spielerisch mit dem interkulturellen Milieu zu verfahren. So erinnert die Nase von Frau Binder an den Großvater väterlicherseits, »an diesen alten Harper, der ein Wallone war, das heißt weder ein Sachse noch ein Landler, weder vor sieben- bis achthundert Jahren aus Tirol gekommen, noch aus der Luxemburger Gegend wie die anderen, sondern Mitte des vergangenen Jahrhunderts mit seinem Vater, dem Oberjagdmeister, mit überraschender Sprachkenntnis und einem Unternehmungsgeist ausgestattet, der zweifellos lebhafter war als bei den Haltrichs, den Teutschs und den Geizers aus dem anderen Zweig der Familie mit seinem österreichischen Einschlag«(19). Damit wird eine kulturelle Herkunft imaginiert, die den Binders im Zuge der politischen Radikalisierung Gewissheit über ihre Identität verspricht. Der Erzähler fügt die Familiengeschichten wie beiläufig in die Haupterzählung ein und knüpft damit an die siebenbürgische Literaturtradition, das Leben von Familien über Generationen zu erzählen und immer wieder auf diese zu verweisen, an.

Die Schauplätze des Romans befinden sich sowohl in der rumänischen Hauptstadt Bukarest als auch in Siebenbürgen. Den Mittelpunkt des Geschehens und gleichzeitig den Raum individueller Selbstverwirklichung bildet die in Siebenbürgen zum Zweck der Repräsentation und des Rückzugs errichtete Schweizer Villa der Familie Binder. Friedrich Binder ist Generalvertreter der deutschen »IG Chemical« in Rumänien und war schon immer ein »Glückskind«(20). Ohne Abitur, aber fünf Sprachen fließend sprechend, gewann er den Zutritt zum Umfeld der Hohenzollern und versorgte die rumänische Armee mit Posten chemischer Erzeugnisse. In der Eigenschaft als Unternehmer erwirbt sich Binder sein Ansehen; der Rückzug aufgrund der politischen Situation vermittelt ihm nach und nach ein Gefühl der Nutzlosigkeit. »Binder war ein geachteter Bürger der Stadt, und wenngleich er nicht zur obersten Schicht zählte, zu den in aristokratischer Isoliertheit lebenden Scherrs, Felićians oder Webers – seine bekannt schöne Villa, sein herrlicher Garten, sein Direktorenposten, seine solide materielle Situation hoben ihn dennoch in den Kreis der Auserwählten und öffentlich Angesehenen empor.«(21) Neben den Binders spielen noch weitere Figuren unterschiedlicher ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit eine wichtige Rolle: der jüdische Bestatter Herr Lindemann oder der rumänische Lehrer Cristea, der aufgrund seines Widerstandes gegen antisemitische Maßnahmen aus dem rumänischen Lyzeum entlassen wird. Die Tochter Gertrud ist mit dem »Zigeunermädchen« Lucia befreundet, was den Binders zunächst Unbehagen, später jedoch Freude bereitet. Dennoch »hatte sich an ihrer Grundeinstellung, was die Zigeuner im Allgemeinen betraf, nichts geändert; ihre Angst, ihre Überlegenheit, ihr Naserümpfen war erträglicher, solange sie es nicht in Worte faßten, also taten sie es auch nicht. Ihren Zigeunerhaß korrigierten sie höchstens im Einzelfall, wenn sie sich auf die Ausnahme berufen konnten.«(22) Diese narrativen Einschübe zeichnen das Bild eines intoleranten und auf sein eigenes Wohl bedachten deutschen Ehepaars, das in Zeiten wirtschaftlicher Krisen bereit ist, sich den politischen Interessen der Machthaber zu fügen.

Im Zuika-Roman kommen ähnliche ausgrenzende Perspektiven zum Tragen. Die Roma leben in Armut und gehören damit zu den sozial Marginalisierten: »Sie hausen draußen, am Rand von Kleinsommersberg, in ihrer Ziganie, die dort anfängt, wo die Steingasse aufhört, und sich bis in den großen Bogen hineinbreitet, den der Schwarzbach um die halbe Gemeinde zieht, sobald er die Hirtengasse geschnitten hat.«(23) Im Unterschied zu den sächsischen Bauern leben sie nicht vom Segen Gottes, sondern sind auf das Wohlwollen der Dorfeinwohner angewiesen. Bauer Thomas Schieb lässt den »Zigeuner« Dinu Dancu auf seinem Hof arbeiten; die »Zigeuner« leben damit in einer wirtschaftlichen Abhängigkeit als Tagelöhner von den Sachsen. Spöttisch blickt man auf das »lustige […], arme […] Volk herab« und repliziert Legenden, die die soziale Distanz weiter vertiefen:

Sie sind ein verfluchtes Volk, der Herr Jesus soll sie verflucht haben, am Gründonnerstag, denn eigentlich hat er auf einem Pferd in Jerusalem einreiten wollen, aber die Zigeuner, welche auch heute noch die besten Hufschmiede sind, die haben, niemand weiß genau warum, kurzum: die haben sich geweigert, sein Pferd zu beschlagen, und so hat er auf einem Esel in Jerusalem einreiten müssen, und darum hat der Herr Jesus die Zigeuner verflucht und so haben sie sich in alle vier Winde zerstreut.(24)

Eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage bringt erst die Fabrik des Herrn Zank, in der die Roma tagaus tagein ihre Arbeit verrichten:

Und bei allem Elend sind sie doch ein schöner Menschenschlag. Schwarz wie die Krähen sind sie, sie haben Augen wie glänzendes Pech und lassen sich die Zähne versilbern, wenn sie ihren Zigeunerinnen gefallen wollen, welche schön sind wie die Hexen. Und alle miteinander, von den kleinsten Kindern bis zu den alten Weibern, die so aussehen, als hätt der Tod sie vergessen, sind sie gesund wie der Fisch im Wasser.(25)

Der mittels sprachlich-kultureller Stereotype reproduzierte Exotismus der »Zigeuner« setzt innerhalb des Romangefüges einen Gegenpol zum konservativen Bild der Siebenbürger Sachsen. Es werden wirtschaftliche Abhängigkeitsverhältnisse nachgezeichnet, die den Fortbestand der Kleinsommersberger Sachsen absichern, gerade in Zeiten schwerer Krisen. Auffällig ist, dass – ähnlich wie bei Bodor – Parallelen zu den ebenfalls marginalisierten Juden gezogen werden. Hier gewinnt Schusters Roman Züge, die darauf hindeuten, dass die Gesellschaften weder vor noch nach 1945 in der Lage waren, sich von den unterschiedlichen Ideologien zu distanzieren. Diesen ist somit ein Scheitern bezüglich der Minderheitenpolitik zu attestieren, welches mittels der Romane angedeutet wird.

5. Die »deutsche« Perspektive in der Narration

Die Wechselbeziehung von Erinnerungsprozessen und Identitätsbildung kann als Grundvoraussetzung einer stabilen Persönlichkeit betrachtet werden. Diese wird insbesondere in der Psychologie, der Kulturwissenschaft, der Soziologie und der Literaturwissenschaft untersucht.

Die Erforschung des Zusammenspiels von Erinnerung, Identität und Literatur ist gerade für eine Literaturwissenschaft, die ein kulturwissenschaftliches Erkenntnisinteresse verfolgt, von herausragender Bedeutung. Eine Auseinandersetzung mit den vielschichtigen Interdependenzen, die zwischen literarischen Werken und den Themenkomplexen Erinnerung und Identität bestehen, verspricht Einblicke in gesellschaftliche Sinngebungsprozesse, in vorherrschende Gedächtnisinhalte, Wertehierarchien sowie in die Rolle, die Literatur für die Aneignung von Erfahrungen spielen kann.(26)

In den Romanen Die Schweizer Villa und Fünf Liter Zuika stehen m. E. weniger Erinnerungsprozesse als solche im Mittelpunkt – im Unterschied zu autobiografisch angelegten Romanen aus Siebenbürgen(27) – als vielmehr die Vermittlung eines detaillierten Geschichtsbildes vor dem Hintergrund individueller Familiengeschichten. Die Glaubwürdigkeit des Erzählten wird bei Schuster durch die Figurenrede und bei Bodor durch den Außenblick des Erzählers auf das Leben der Binders garantiert. Im Zuika-Roman wird die Perspektive der Figuren durch direkte/indirekte Rede sowie Figurencharakterisierung fokussiert, die narrative Struktur folgt dem Prinzip der Innen- und Außenperspektive auf die Figuren und das Geschehen. Als Beispiel kann die Gedankenrede des Dorfkurators und dessen Charakterisierung in der narrativen Rede herangezogen werden:

Ja, der Herr Kurator ist nicht nur ein energischer, fleißiger Wirt, von dem ein jeder lernen kann, sondern auch ein freundlicher und gerechter Mensch, bedacht auf das Wohl und den Fortschritt von ganz Kleinsommersberg. Man braucht nur an die Eisenbahn zu denken. Er, der Reicheln-Karl, hat dafür gesorgt, dass man die neue Linie am Dorf vorbeigelegt hat.

Und weiter:

Es ist nicht alleseins, ob man weiter zu Ungarn gehören oder an Rumänien fallen wird. Denn solange man an den staatlichen Feiertagen die ungarische Hymne gesungen hat, war man wenigstens im eigenen Dorf Herr. Ungarn waren keine da, außer vielleicht den Feldjägern, die aber für den Herrn Kurator immer einen strammen Gruß und ein gnädiges Lächeln unter dem gezwirbelten Schnurbart hatten und in die Rumänengasse weitergeritten waren […].(28)

Die Intention der Romane, die siebenbürgisch-deutsche Geschichte zu rekonstruieren, geht mit unterschiedlichen literarischen Verarbeitungen einher. Sowohl die narrativen Strukturen als auch der Sprachduktus der Romane knüpfen an unterschiedliche literarische Traditionen an: Während der Roman Bodors die moralische Verantwortung des Einzelnen angesichts der Zunahme antisemitischer Maßnahmen thematisiert, basiert Fünf Liter Zuika in erster Linie auf der Konstruktion und Dekonstruktion von Selbst- und Fremdbildern in einem fiktiven siebenbürgisch-sächsischen Dorf. Nicht zuletzt unterscheiden sich die beiden Werke in ihrer Konsequenz, die sog. »deutsche« Perspektive zu vermitteln. Im ZuikaRoman ist der Erzähler als Angehöriger der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft markiert; somit überwiegt in diesem die »deutsche« Perspektive. Bei Bodor stehen weniger der Erzählbericht als die Gedanken der Figuren sowie deren Gespräche im Vordergrund. Die Geschichte der Familie Binder dient m. E. als Vorwand des Erzählers, um die Ereignisse im Rumänien der Zwischenkriegszeit zu schildern und deren Brisanz zu erläutern. Daher empfiehlt sich die Verwendung eines weitgefassten Begriffs von kultureller Differenz, welcher sowohl die werkimmanente Analyse als auch den Rezeptionsvorgang und die Einbettung dieser Aspekte in den historisch-gesellschaftlichen Rezeptionskontext berücksichtigt. Moosmüllers Konzept der kulturellen Differenz, die das »Wahrnehmen, Fühlen, Denken und Tun« des Einzelnen als »kulturell geformt«(29) voraussetzt, wird in beiden Romanen sichtbar, indem diese die kulturelle Herkunft der Figuren sowie die Handlungsoptionen im Zuge der politischen Radikalisierung hervorheben. Binder entscheidet sich für den Rückzug bzw. verweigert sich einer expliziten politischen Haltung. Der junge Thomas Schieb jun. hingegen zieht am Ende des zweiten ZuikaBandes in die Waffen-SS ein und folgt damit der inneren Verpflichtung gegenüber dem Kollektiv der Siebenbürger Sachsen, siegreich für die Gemeinschaft zu kämpfen.

6. (Neu-)Anfang und kulturelle Differenz

Beide Werke sind durch einen unvermittelten Einstieg ins Geschehen gekennzeichnet. Familie Binder in Bodors Roman ist gerade dabei, sich in der neu angemieteten Bukarester Wohnung, in der sich zuvor das Büro des Beerdigungsunternehmens der Herren Lindemann und Popescu befand, einzurichten. Der Roman setzt mit einem empörten Ausruf von Sophie Binder ein.(30) Der Umzug in die Bukarester Wohnung steht für den wirtschaftlichen Erfolg der Familie. Es schließt sich ein Panorama der politischen Radikalisierung und des Antisemitismus in Rumänien Anfang der 1940er Jahre an, das in der ungarischen Romanausgabe mit den 1950er, in der deutschen mit den 1940er Jahren endet.(31) Zu Beginn des Zuika-Romans verkündet der Erzähler: »Krieg ist Krieg. Daran ist nichts zu ändern.«(32) Die Requirierung der einzigen Kuh auf einem siebenbürgisch-sächsischen Bauernhof fungiert als Ausgangspunkt eines fiktiven Zeitbildes, das die Jahre zwischen 1919 und 1943 umfasst und einerseits durch die Stimme des Erzählers, andererseits durch die vermittelten Figurenperspektiven dominiert wird. Der Erzähler beobachtet und kommentiert das Geschehen und vermittelt den Eindruck, das Milieu seiner Figuren genau zu kennen. Das Geschehen konzentriert sich räumlich auf die Region Siebenbürgen bzw. das fiktive Dorf Kleinsommersberg. Hierhin kehren die Schiebs aus dem Krieg zurück, um sich eine neue Existenz aufzubauen und schließlich den Bauernhof zu vergrößern. Plastisch werden die sozialen Rollen der Figuren von Kurator, Pfarrer oder Nachbar wiedergegeben, um die Überformung traditioneller Dorfstrukturen durch die zunehmende nationalsozialistische Gesinnung der Jugendlichen Matthes Reichel und Franz Schoger zu verdeutlichen. Im Dorf organisiert sich mit der Wirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre die sog. »Erneuerungsbewegung«, die sich einerseits gegen den Konservatismus der Siebenbürger Sachsen und andererseits gegen den Fabrikbesitzer Zank auflehnt. Paradoxerweise wird das Bündnis zwischen dem Fabrikbesitzer Zank und den »Erneuerern« immer enger; die politische Allianz scheint somit besiegelt.

Bei Bodor wird die allgemeine Frage nach der Konstruktion von Andersheit bzw. dem Anderen als ethische gestellt, bei Schuster wird ein Diskurs der Selbst- und Fremdbilder der Deutschen in Siebenbürgen (de-)konstruiert. Demonstriert werden althergebrachte Stereotype – erinnert sei an den Konservatismus der Sachsen – anschaulich an dem Dorf Kleinsommersberg, in dem die evangelische Kirche A. B. sich als Hüterin der Gemeinschaft versteht, bis die »Erneuerer« die Führung im Dorf übernehmen und selbst der Bischof sich als handlungsunfähig begreift:

›Nein, lieber Amtsbruder, wir können nichts unternehmen. Genauso wenig, wie unsere Brüder in Deutschland gegen die große Gottlosigkeit in ihrem Land tun können. Wenn diese falsche Lehre auch unter uns Sachsen Aufnahme findet, dann werden Sie, lieber Amtsbruder, erleben, dass man selbst in der altüberlieferten Lebenslänglichkeit meines Amtes eine Ausnahme machen wird. Ich werde abdanken.‹(33)

Mit diesem Verlauf wird das Bild der intakten Gemeinschaft verworfen, die vor großen Herausforderungen steht und vor der Frage, wie diese bewältigt werden können.

Die Thematisierung von Andersheit bzw. Fremdheit bei Bodor erinnert an die Romane Die Tatarenpredigt (1973) von Andreas Birkner und Ascheregen (1985) von Joachim Wittstock. Diese thematisieren ebenfalls das interethnische Zusammenleben in Siebenbürgen unter ethischen Aspekten. Ein Vergleich der beiden vorliegenden Romane zeigt, dass diese in unterschiedlichen kulturellen und sozialen Milieus angesiedelt sind. In dieser Hinsicht ähnelt der Sprachduktus des Zuika-Romans der (literarisierten) Alltagssprache der Dorfbewohner. Die Binders hingegen identifizieren sich mit dem kleinbürgerlich-städtischen Milieu, die Familie Schieb im Zuika-Roman gehört dem bäuerlich-ländlichen Milieu an. Innerhalb dieser Milieus gelangen kulturelle Differenz und kulturelle Identität auf unterschiedliche Weise zur Geltung: Der Lebensinhalt der Schiebs konzentriert sich auf den Erhalt und die Fortführung des Bauernhofes sowie auf die Pflege christlicher Traditionen. Kulturelle Identität ist in Schusters Roman eine eng an die dörfliche Umwelt geknüpfte Vorstellung der siebenbürgisch- sächsischen Gemeinschaft, in Bodors Roman hingegen vermischen sich urbane und dörfliche Elemente – das »Deutsch-Sein« wird als Überhöhung des Eigenen praktiziert. In Schusters Roman tritt das Moment der Selbstüberhöhung im Rahmen der »Erneuerungsbewegung« in den Vordergrund. Der junge Thummes wird als »erkennende« Persönlichkeit charakterisiert, die sich einerseits der Schülerschaft zugehörig fühlt, andererseits die »Erneuerer« als selbstgefällige junge Burschen entlarvt.

Kulturelle Differenz fungiert bei Bodor als Fundament der eigenen Wahrnehmung und als Abgrenzungsmerkmal. Der jüdische Bestatter Lindemann nimmt aus der Perspektive der Binders eine sonderbare Stellung – da fremd und vertraut zugleich – ein:

Nie verschwendete er [Herr Lindemann – Anm. S. P.] auch nur einen Gedanken daran, wie fremd seine Denkweise den Binders war, wie störend und dennoch reizvoll exotisch sein friedliches, inkonsequentes Verhältnis zum Materiellen oder die bloße Tatsache, daß er aus einer anderen Welt kam: Ihr Leben hatte einen jeweils anderen Verlauf eingenommen, keine Erinnerung verband sie, die sie hätte näherbringen können. […] Desungeachtet war Herr Lindemann im geistigen und emotionellen Haushalt der Binders unersetzlich geworden. Ewig fremd zwar, aber unersetzlich.(34)

An anderer Stelle lässt Lindemann bei der Renovierung der Bukarester Wohnung verlauten:

Vor einem Monat hatte ich hier noch Erinnerungen. Ich erinnerte mich an vieles, was hier geschah, was ich hier fühlte und erlebte. Jetzt erinnere ich mich an nichts mehr. Ich fühle mich, liebe, gnädige Frau, als hätte ich nicht das Haus, sondern meine Erinnerungen renoviert.(35)

Die Erinnerung des alten Juden ist geknüpft an den Raum; die Veränderung des Raumes bewirkt den Verlust der Erinnerung. Gleichzeitig trägt Lindemann ein eigenartiges Schuldbewusstsein in sich, das sich die Binders nicht erklären können. Nicht die kulturellen Differenzen jedoch bewirken die Annäherung oder Distanzierung der Figuren zu- bzw. voneinander, sondern der Verlauf der Geschichte in den 1930er Jahren. Das »Jüdische« des Herrn Lindemann impliziert im Roman aus Sicht der politischen Machthaber das »Andere«. Das »Fremde« oder »Andere« bereitet auch dem Fabrikanten Binder bald Sorge, und er fragt sich, ob sein Ahnenpass nicht doch jüdische Wurzeln zum Vorschein bringen wird.(36) Das Verhältnis Binders zu Lindemann ist durch Vertrauen geprägt, das durch die politischen Umstände der 1930er Jahre erschüttert wird. Das Verhältnis des Fabrikanten zu den Juden in Rumänien wird somit auf eine neue Grundlage gestellt:

Binder haßte die Juden nicht, aber er wäre unfähig gewesen, die Schmach seines eigenen jüdischen Wesens zu ertragen. Seine Furcht vor der Schmach trieb ihn einesteils dazu, in entsprechender Gesellschaft mitunter schärfere antisemitische Äußerungen zu riskieren, andererseits, sich zeitweilig krankhaft in die Situation eines jüdischen Bekannten hineinzudenken; im tiefsten Innersten ging er mit eingezogenem Hals als Jude durch die Straßen, und ihn trafen die stechenden Blicke der Entgegenkommenden. Auch ein Jude ist ein Mensch; auch ein Buckliger ist ein Mensch; auch ein Toilettenmann oder ein Mörder sind Menschen.(37)

Binder versetzt sich in seiner Verunsicherung beinahe besessen in die Situation der Juden, um die diesen gegenüber verübte Ungerechtigkeit, die antisemitischen Maßnahmen für sich nachvollziehen zu können, was ihm jedoch misslingt. Stattdessen zieht er sich nach und nach in das Haus der Familie, die Schweizer Villa, zurück. Eine andere Form der Fremdheit wird im Verhältnis Binders gegenüber seinem Nachfolger, Horst Windau, thematisiert. Windau war früher Offizier bei der österreichisch-ungarischen Armee und bekennt sich nun als Anhänger der NSDAP. Im Zuge der Rückkehr der Familie Binder nach Siebenbürgen verstärkt sich deren Eindruck, lediglich Siebenbürger Sachsen, d. h. »Provinzler« zu sein:

Er [Binder – Anm. S. P.] hatte das Gefühl, der Präsident, der Herr Baron, und Horst Windau stünden einander sehr nahe, und er, der alteingesessene Mitarbeiter der Firma, sei in Wahrheit der verachtete Provinzler, der zu wenig »Deutsche«, der Fremde und Gast in diesem Dreierbund. Er wußte nicht genau zu sagen, worin sich die Überlegenheit der beiden anderen im Bunde offenbare […].(38)

In Schusters Roman Fünf Liter Zuika zeigt die Begegnung der »Reichsdeutschen« mit den Deutschen in Siebenbürgen ebenfalls Momente der Selbstvergewisserung bzw. Irritation. Dabei ist insbesondere die Perspektive der »Reichsdeutschen« auf die alteingesessenen »Provinzdeutschen« in Siebenbürgen zu erwähnen:

Sie [die »Reichsdeutschen« – Anm. S. P.] freuen sich an dem schönen Wetter, sie verstehen sehr gut, warum der Schieben-Vater so stolz auf seinen Sohn ist, und können sich nicht genug wundern, dass die Sachsen seit achthundert Jahren schon hier leben und ihre Sprache bewahrt haben und ihre alten Bräuche.(39)

Angesichts der sich zuspitzenden Konflikte zwischen Deutschen, Rumänen und Ungarn stellt sich mit dem Einmarsch der deutschen Armee in Siebenbürgen ein Moment der Sicherheit für die Siebenbürger Sachsen ein. Die Siebenbürger Deutschen werden aus Sicht der Soldaten als Exotikum im südosteuropäischen Vielvölkermeer wahrgenommen, wobei im zitierten Abschnitt von »ihre[r] Sprache« und nicht von »unserer Sprache« oder der »deutschen Sprache« die Rede ist. Eine Vereinheitlichung und damit Inkorporierung der Siebenbürger Sachsen in ein »großdeutsches« Verständnis wird somit auf den ersten Blick, da die sprachlichen Unterschiede zu offensichtlich sind, nicht vollzogen. Sowohl in Schusters als auch in Bodors Roman fungiert die Namensgebung als regionales Spezifikum. So heißen die Protagonisten in ihrer Kurzform, als Merkmal der dörflichen Umgebung, beispielsweise Schieben- Thummes oder Schieben-Misch (Zuika-Roman). Im Zuika-Roman sind die Namen der Figuren somit eng mit deren Herkunft und Identität als Siebenbürger Sachsen, Rumänen oder Ungarn verknüpft. Zwar sind Ehen zwischen den unterschiedlichen Ethnien keine Seltenheit. Diese werden aus Sicht der Kleinsommersberger Deutschen, wie das Beispiel des mit einer Rumänin verheirateten Bill Seiwerth zeigt, nicht als selbstverständlich erachtet. In der von siebenbürgisch-sächsischen Kindern besuchten Schule wird der Sohn des Paares aufgrund seiner »doppelten« Herkunft ausgegrenzt. Der Erzähler vermittelt die offenen Spannungen zwischen den Ethnien in einem ironisch-belustigenden Ton und wirft damit die Frage nach deren Lösung auf. Im Zuika-Roman gewinnt die Namensgebung m. E. als Mittel der wechselseitigen kulturellen Abgrenzung an Bedeutung, während sie bei Bodor in erster Linie zur Illustration des multiethnischen Kontextes dient.

Mit der Modernisierung und damit der sozialstrukturellen Differenzierung der Gesellschaft, ausgebremst durch die Wirtschaftskrise in den 1920er und die politische Radikalisierung in den 1930er Jahren, geht eine veränderte Wahrnehmung des Anderen bzw. von kulturellen Differenzen einher.(40) Bodors Roman nähert sich der Stigmatisierung des Anderen als Fremden über den antisemitischen Diskurs im Rumänien der Zwischenkriegszeit aus einer »deutschen« Perspektive an. Diese wird sowohl von dem Siebenbürger Deutschen Friedrich Binder als auch von dem »Scheinösterreicher«(41) Horst Windau, Nachfolger Binders in Bukarest, repräsentiert. Das Andere ist hier als das kulturell Fremde – verkörpert in der Figur des jüdischen Bestatters Lindemann – gegenwärtig. Gleichzeitig wird das Andere durch abweichende Gewohnheiten und Traditionen markiert. Damit wird, mit Moosmüller gesprochen, die Ausformung und Versprachlichung kultureller Differenz auf der »Erfahrungsebene konkreter Akteure«, hier auf der Ebene der Figuren, angesiedelt.(42) In der literarischen Fiktion von einer deutschen Familie in Siebenbürgen und deren Verhalten gegenüber den zunehmenden antisemitischen Tendenzen liegt m. E. die Stärke dieses Werks. Gleichzeitig offenbart die narrative Struktur des Textes, dass dieser aus einer ungarischen Perspektive geschrieben wurde. Die Binders entstammen dem mittleren Bürgertum und nicht dem dörflichen Milieu; die Zunahme ungarischer Personennamen im Verlauf der Geschichte unterstreicht den Eindruck: »Auch Binder stand seinen Mann. Er erzählte, wie er in der Wiener Militärzensurbehörde mit dem bekannten György Berzeviczy, dem größten Falschspieler aller Zeiten, zusammengearbeitet habe, der damals durch sein Kartenspiel allerdings erst seinen Gutsbesitz von mehreren tausend Morgen verspielt hatte.«(43) In Schusters Roman führt das Streben des sächsischen Bauern Thomas Schieb sen. nach Vermehrung des Grundbesitzes ihn an die starren Grenzen der siebenbürgisch-sächsischen Konventionen; dem Sohn gelingt im Zuge des Schulbesuchs in der Stadt ein Einblick in die bürgerliche Welt. Kulturelle Differenz wird in den untersuchten Romanen auf Basis der Religion – die Zugehörigkeit der Siebenbürger Sachsen zur evangelischen Kirche A.B. (Zuika-Roman) –, körperlicher Eigenschaften der Figuren, im Kontext der Namensgebung sowie siebenbürgisch-sächsischer Traditionen wahrgenommen und vermittelt. Im gesellschaftlich-historischen Kontext, der in beiden Romanen für die Konstituierung von Selbst- und Fremdbildern eine wichtige Funktion einnimmt, gewinnen oder verlieren kulturelle Differenzen an Relevanz, wie die Beispiele des Fabrikanten Binder und des jüdischen Bestatters Lindemann zeigen. Mittels ironischer Andeutungen des Erzählers werden kulturelle Differenzen manifestiert und zugleich hinterfragt, insbesondere im Zuika-Roman. Das Stabilität verleihende Selbst- und Fremdbild von der »sächsischen Einheit«, deren Identitätskern die evangelische Kirche A.B. bildet, wird im zweiten Band des Zuika-Romans zunehmend durch die nationalsozialistische »Erneuerungsbewegung« untergraben. Folge ist die Zunahme der politischen und sozialen Polarisierung der Dorfgemeinschaft, die sich aus Siebenbürger Sachsen, Rumänen und »Zigeunern« zusammensetzt. In dieser Hinsicht fungiert die Zwischenkriegszeit als Folie der zeitgenössischen rumänischen Gesellschaft der 1960er Jahre, in welcher durch das Bestreben der Einebnung sozialer Unterschiede diese gerade erst manifestiert wurden. Beide Romane liefern Handlungsmuster in politischen Krisenzeiten, die mit dem Ende des Kommunismus in Rumänien bzw. der Übersiedlung Schusters nach Deutschland und Bodors nach Ungarn vermeintlich an Aktualität verlieren. Schusters Roman erweist sich als literaturhistorisch nach wie vor bedeutend, da er die Zustände und die Orientierungslosigkeit einer historischen Epoche spiegelt. Im Falle der Schweizer Villa sind Bedenken anzumelden, was die literaturästhetische Gestaltung betrifft: Die Geschichte der Binders verliert sich im Jargon- und Klischeehaften; eine Deutung als »kultureller Text« im Sinne Assmanns erscheint obsolet. Kulturelle Texte verfügen über ein epochenübergreifendes identitätsstiftendes und -stabilisierendes Potenzial, das den beiden vorliegenden Texten somit nicht bescheinigt werden kann. Die Kultur der Siebenbürger Sachsen, Rumänen und Ungarn imitierend, erweisen sie sich als tragfähige Beispiele für die mediale Repräsentation regionaler Kulturen, wie sie heutzutage zunehmend in Vergessenheit geraten.

 

Dr. Silvia Petzoldt, M. A., wurde 1982 in Chemnitz geboren. Sie studierte Hungarologie, Soziologie und Politikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin, war Stipendiatin des Balassi-Instituts Budapest im Programm »Literarisches übersetzen« und promovierte 2013 an der Universität Jena. Sie beschäftigt sich besonders mit der Rezeption ungarischer Literatur im deutschsprachigen Raum, mit Selbst- und Fremdbildern in der deutschen und ungarischen Literatur aus Siebenbürgen, mit der Erfahrung von Krieg, Gewalt und Diktatur in Literatur und Film. Silvia Petzoldt ist Lehrbeauftragte an der Universität Erfurt und freie Übersetzerin und lebt in Erfurt. Gegenwärtig im Erscheinen begriffen ist ihre Untersuchung Selbst- und Fremdbilder in der Minderheitenliteratur Siebenbürgens. Eine vergleichende Studie zu Paul Schuster (1930–2004) und András Sütő (1927 – 2006) (Wiesbaden: Harrassowitz).

Zuerst erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 1 (2014), Jg. 10 (64), Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 81–94.

(1) Aleida Assmann: Was sind kulturelle Texte? In: Andreas Poltermann (Hg.): Literaturkanon – Medienereignis – Kultureller Text. Formen interkultureller Kommunikation und Übersetzung. Berlin 1995, Göttinger Beiträge zur Übersetzungsforschung 10, S. 232–245, hier: S. 237 und 242 .

(2)  Ebenda, S. 241.

(3)  Rogers Brubaker: Ethnicity without Groups. London [u. a.] 2004, S. 79.

(4) Annegret Horatschek: Kollektive Identität. In: Grundbegriffe der Kulturtheorie und Kulturwissenschaften. Hg. Ansgar Nünning. Stuttgart/Weimar 2005, S. 71.

(5) Jochen Dreher / Peter Stegmaier: Einleitende Bemerkungen: ›Kulturelle Differenz‹ aus wissenssoziologischer Sicht. In: Zur Überwindbarkeit kultureller Differenz. Grundlagentheoretische Reflexionen. Herausgegeben von J. D. und P. S. Bielefeld 2007, S. 7.

(6) Ebenda, S. 13.

(7) Alois Moosmüller: Kulturelle Differenz. Diskurse und Kontexte. In: Konzepte kultureller Differenz. Herausgegeben von Alois Moosmüller. Münster [u. a.] 2009, Münchener Beiträge zur interkulturellen Kommunikation 22, S. 28 .

(8) Ebenda, S. 13.

(9) Bereits in der »Aufbauphase« des Kommunismus in Rumänien haben durchaus auch ethnische Aspekte und Fragen der kulturellen Herkunft eine Rolle gespielt. Vgl. u. a. den Beitrag von Hannelore Baier: Die Deutschen in Rumänien in den Jahren 1945 bis 1948. In: Vom Faschismus zum Stalinismus. Deutsche und andere Minderheiten in Ostmittel- und Südosteuropa 1941–1953. Hg. Mariana Hausleitner. München 2008, S. 173–80.

(10) William Totok: Rumänisierung. Die Nationalitätenpolitik von 1918 bis 1990. In: Der Sturz des Tyrannen. Rumänien und das Ende einer Diktatur. Hg. Richard Wagner und Helmuth Frauendorfer. Reinbek b. Hamburg 1990, S. 102–135.

(11)  Vgl. Othmar Kolar: Rumänien und seine nationalen Minderheiten 1918 bis heute. Wien 1997, S. 346ff.

(12)  Der Begriff der »gesellschaftlichen Wirklichkeit« wird in diesem Zusammenhang als »konstruiert« betrachtet. Zum einen wird darunter die von der kommunistischen Partei postulierte »Wirklichkeit« verstanden, zum anderen die konkrete Lebenswirklichkeit der Minderheiten. Vgl. Peter L. Berger/Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Mit einer Einleitung zur dt. Ausgabe von Helmuth Plessner. 24. Aufl., Frankfurt am Main 2012.

(13) Zum Wandel der Evangelischen Kirche A. B. im Kontext der »Erneuerungsbewegung« vgl. u. a. die Monografien von Andreas Möckel: Umkämpfte Volkskirche. Leben und Wirken des evangelisch-sächsischen Pfarrers Konrad Möckel (1892–1965). Köln, Weimar, Wien 2011. Studia Transylvanica 42 sowie Ulrich A. Wien: Friedrich Müller-Langenthal. Leben und Dienst in der Evangelischen Kirche in Rumänien im 20. Jahrhundert. Neuaufl. mit Vorw., Bildteil und Erg. des Autors. Hg. Hermann Fabini. Sibiu 2002.

(14) Im Zuge der Währungsumstellung, Wirtschaftskrise und Inflation seit 1925 kam es bei den Siebenbürger Sachsen zu sozialen Protesten der sog. »Unzufriedenen«. 1932 entstand als »politischer Arm« der vorher gegründeten »Selbsthilfe« die »Nationalsozialistische Selbsthilfebewegung der Deutschen in Rumänien«. Im »Volksprogramm« des Fünften Sachsentages 1933 erfolgt ein Loyalitätsbekenntnis zum rumänischen Staat und zum deutschen Volk. Die sog. »Erneuerer« wurden schließlich 1934 von der rumänischen Regierung verboten. Im Oktober 1938 kam es zu einer entscheidenden Wende: die »Deutsche Volkspartei Rumäniens« unter Alfred Bonfert unterwarf sich der 1937 gegründeten Volksdeutschen Mittelstelle in Berlin. Parallel zu diesen Entwicklungen wurde von Corneliu Codreanu 1927 die »Legion des Erzengels Michael« (Legiunea Arhanghelului Mihai) gegründet, die später in die durch ihren antisemitischen Radikalismus gekennzeichnete »Eiserne Garde« (Garda de Fier) überging.

(15) Es gibt verschiedene Hinweise auf das Manuskript des dritten Bandes. In einem Interview mit Hans Liebhardt 1963 erwähnt Paul Schuster ca. 300 fertige Seiten. Vgl. Hans Liebhardt: Spannung, Kitsch und Kunst. Gespräch mit Paul Schuster. In: Neuer Weg, 22. 2. 1963. Beilage Kultur und Leben, S. 3. Darüber hinaus erschienen folgende Vorabdrucke aus dem Romanmanuskript: Paul Schuster: Zuika (Auszug). In: Neuer Weg, 27. 7. 1968. Beilage Kultur und Leben, S. 3, und ders.: Der Thummes und die Büffel. Vorabdruck aus dem dritten Band des Romans Fünf Liter Zuika. In: Neuer Weg, 21. 9. 1968. Beilage Kultur und Leben, S. 3.

(16) Siehe Nachlass des Schriftstellers Paul Schuster im Archiv des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas e. V. an der LMU München, Box 23, eingesehen zuletzt im Januar 2014.

(17) András F. Balogh: Die Siebenbürger Deutschen in der ungarischen Literatur. In: Das Bild des Anderen in Siebenbürgen. Stereotype in einer multiethnischen Region. Hgg. Konrad Gündisch, Wolfgang Höpken und Michael Markel. Köln, Weimar, Wien 1998, Siebenbürgisches Archiv Folge 3; 33, S. 312.

(18) Vgl. Harald Roth: Autostereotype als Identifikationsmuster. Zum Selbstbild der Siebenbürger Sachsen. In: Ebenda, S. 179–93.

(19) Im Folgenden zitiere ich aus der deutschen Übersetzung. Pál Bodor: Die Schweizer Villa. Aus d. Ung. von Dorothea Koriath. Berlin 2000, S. 10.

(20) Ebenda, S. 23.

(21) Ebenda, S. 99.

(22) Ebenda, S. 97.

(23) Im Folgenden zitiere ich, wenn nicht anders angeführt, aus der verbesserten Neuauflage des Romans, erschienen 2009 im Schiller-Verlag Hermannstadt, hier S. 109.

(24) Ebenda, S. 110f.

(25) Ebenda, S. 111.

(26)  Birgit Neumann: Literatur, Erinnerung, Identität. In: Gedächtniskonzepte der Literaturwissenschaft. Theoretische Grundlegung und Anwendungsperspektiven. Hgg. Astrid Erll und Ansgar Nünning. Unter Mitarbeit von Hanne Birk und Birgit Neumann. Berlin, New York 2005, S. 149.

(27)  Vgl. u. a. Eginald Schlattners Der geköpfte Hahn (1998) oder Anyám könnyű álmot ígér [1970; Mutter verspricht guten Schlaf] des Ungarn András Sütő.

(28) Schuster, Fünf Liter Zuika, Anm. 23, S. 34f.

(29) Moosmüller, Kulturelle Differenz, Anm. 7, S. 15.

(30) »›Wonach stinkt es hier so? Ich bin nicht gewillt, den Dienstbotenaufgang zu benutzen‹, sagte Frau Binder knöchern und ließ die Glut von der Porzellangriff-Kohlenschaufel vor den schwarzen Kachelofen fallen, in den verchromten Aschekasten.« In: Bodor, Schweizer Villa, Anm. 19, S. 7.

(31) Im Mittelpunkt des zweiten Teil des Romans, der nicht ins Deutsche übertragen wurde, stehen die zweite Hälfte der 1940er Jahre und die politische Umgestaltung des Landes durch die kommunistische Elite. Die Suche nach der ideologischen Wahrheit dominiert nun gegenüber den zuvor detailliert beschriebenen zwischenmenschlichen Konflikten.

(32) Paul Schuster: Fünf Liter Zuika. 1. Bd. Bukarest 1961, S. 7.

(33) Schuster, Fünf Liter Zuika, Anm. 23, S. 497.

(34) Bodor, Schweizer Villa, Anm. 19, S. 44f.

(35) Ebenda, S. 33.

(36) Die vermeintliche »Inkorporierung« des Jüdischen am Beispiel Friedrich Binders kann m. E. unterschiedlich interpretiert werden. Einerseits wird damit die »Mitschuld« der deutschen Bevölkerung Siebenbürgens an der Judenverfolgung im Nationalsozialismus thematisiert, andererseits wird die Hilflosigkeit der wohlhabenden Familie Binder gegenüber den menschenverachtenden Maßnahmen im Rumänien der Zwischenkriegszeit in den Vordergrund gerückt.

(37) Bodor, Schweizer Villa, Anm. 19, S. 144.

(38) Ebenda, S. 67.

(39) Paul Schuster: Fünf Liter Zuika, 2. Bd. Bukarest 1965, S. 349.

(40) Vgl. hierzu die Ausführungen des Soziologen Welz: »The dissolution of living together in homogeneous groups, the structural differentiation of modern society, causes the increase of experiencing the Other in everyday life. And that causes changes in the conception of the world and in the conception of identity as well.« Frank Welz: Rethinking Identity. Concepts of Identity and ‹the Other’ in Sociological Perspective. In: The Society. An International Journal of Social Sciences. Vol. 1. July 2005, S. 5f.

(41) Bodor, Schweizer Villa, Anm. 19, S. 65.

(42) Moosmüller, Kulturelle Differenz, Anm. 7, S. 16.

(43) Bodor, Schweizer Villa, Anm. 19, S. 50. Weitere Beispiele: Trézsi, die Haushälterin der Binders, und ihr einstiger Liebhaber, der spätere Pfarrer József Sövér; Herr Loránd, Leiter der Druckerei; Anna Székely, die Gattin von Imre Gergely, usw.