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Aleš Šteger: Logbuch der Gegenwart & Über dem Himmel unter der Erde | Rezension

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Aleš Šteger: Logbuch der Gegenwart – Aufbrechen. Aus dem Slowenischen von Matthias Göritz. Mit einem Vorwort von Alberto Manguel. Innsbruck, Wien: Haymon Verlag 2019. 200 S.

Aleš Šteger: Über dem Himmel unter der Erde. Gedichte (Edition Lyrik Kabinett 43). Aus dem Slowenischen von Matthias Göritz. München: Carl Hanser Verlag 2019. 96 S.

Von Klaus Hübner

 

Ohne Zweifel ist der 1973 in Ptuj (dt. Pettau) geborene und seit Langem in Ljubljana (dt. Laibach) lebende Aleš Šteger seit Jahren der weltweit bekannteste slowenische Schriftsteller. Seine Gedichte, Prosabände und Essays wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, und ihr Autor, der auch als Übersetzer aus dem Deutschen, Englischen und Spanischen tätig ist, wurde vielfach ausgezeichnet, in Deutschland zuletzt 2016 mit dem Horst-Bienek-Preis. Im Jahr 2016 erschien auch sein von Matthias Göritz ins Deutsche übertragener Prosaband Taumeln, und mit ihm stellte Šteger sein Projekt „Logbuch der Gegenwart“ vor. Der zweite Band mit dem Titel Aufbrechen folgte 2019. Was ist das für ein Projekt? Und wieso „Logbuch“?

Der Fachterminus „Logbuch“ bezeichnet seit dem 18. Jahrhundert eine Art Schiff-Tagebuch, in das wichtige nautische Beobachtungen und Vorkommnisse an Bord eingetragen werden. Das Wesentliche also. Aleš Šteger versucht, in präziser, bildkräftiger und unmittelbarer Sprache und mit aussagekräftigen Farbfotos das Wesentliche unserer Gegenwart zu erfassen. Wobei die Gegenwart unbedingt die Vergangenheit braucht, um sich zur Zukunft öffnen zu können. Šteger tut das nicht von Slowenien aus, sondern besucht sehr unterschiedliche Orte und Landschaften und hält mit Schreibblock und Kamera fest, was ihm besonders auffällt. Und versucht, sich der Wahrnehmung dessen, was ihm begegnet, mit allen Sinnen auszusetzen. An einem einzigen Tag. Matthias Göritz, der Übersetzer von Über dem Himmel unter der Erde, kommt in seinem Nachwort zu diesem bemerkenswerten Lyrikband – den er als ein „Buch der Verschlingung von Totem und Lebendigem“ charakterisiert, das durch den Zauber der Poesie auch eines der Liebe ist (S. 87) – auch auf das „Logbuch“-Projekt zu sprechen: „Jedes Jahr sucht Šteger sich einen Ort aus, an dem er durchlässig wird, an dem er die Menschen beobachtet, wie sie die Risse ihres Lebens, die Risse dieses Ortes, seine Paradoxien aushalten.“ (S. 86) Der „explizite Zweck“ eines „Logbuchs“ sei, wie Alberto Manguel im Vorwort zu Aufbrechen schreibt, „das Reiseerlebnis […] wie mit dem Auge einer Handkamera festzuhalten, die Ereignisse weder vorherzusagen noch nachträglich zu kommentieren […] Štegers Auge verwandelt chronologische Abfolge und akribische Kartografie in einen einzigartigen universellen Punkt, der immer allgegenwärtig ist.“ (S. 6f.) Der aufmerksame und wache, welterfahrene und belesene Autor wage es, aus manchmal geradezu winzigen Beobachtungen, bruchstückhaft und subjektiv, „die Welt durch die Begegnung von Zufallsfragmenten aufzuzeichnen“ – was nur funktionieren kann, wenn man mit der Aussagekraft des poetischen Sprechens absolut vertraut und sich daher auch ganz sicher ist, dass „ausschnitthafte Beobachtungen“ für das Ganze unserer Gegenwart stehen können (S. 11). Brisante Themen, Schauplätze und Schicksale unserer Zeit durch die Augen des Dichters, verspricht der Verlag, und er hätte hinzufügen können: auch durch die Augen eines Fotografen. Löst das „Logbuch“ dieses Versprechen ein? Und vor allem die hohen Erwartungen, die das Vorwort des weltbekannten Gelehrten, Schriftstellers und Direktors der argentinischen Nationalbibliothek aufbaut?

Über Slowenien erfährt man in diesem Buch nichts, über die slowenische Sprache nur wenig. Mit Aufbrechen reist man im März 2016 nach Kochi im indischen Bundesstaat Kerala, im Juli 2017 ins russische Solowki-Archipel im Weißen Meer, im Mai 2018 nach Shanghai und im April 2019 nach Bautzen in der Lausitz, das auf Sorbisch Budyš (sic!) heißt. Kochi kann den berühmten Kulturschock auslösen: „Kein Strom im Zimmer, aber draußen ist alles, was meine Sinne erreicht, pure Elektrizität.“ (S. 16) Den stets fröhlichen Rikscha-Fahrern wird gesagt, sie mögen an einen Ort fahren, den sie besonders mögen – und schon geht’s durch die halbe Stadt: „Das ist kein Fahren. Das ist ein nie endendes Wunder des Überlebens.“ (S. 26) Der leicht benommene Ich-Erzähler staunt wie die meisten Europäer darüber, dass die Speisen anders schmecken, „wenn man das Essen mit den Fingern isst“ (S. 35), oder dass fast alle Slumbewohner lächeln, obwohl sie permanent Hunger haben (S. 41). Vergleiche bleiben nicht aus: „Kontinuierliche Lebensfreude, in meiner Kultur ist so ein reines Vergnügen unvorstellbar ohne Alkohol.“ (S. 52) Auch Kochi verändert sich rapide: „Ein ungewöhnliches Gefühl, die Welt in ihrem Verschwinden zu bezeugen. Vielleicht beginnt hier die Literatur.“ (S. 41) Man versteht allmählich, was Aleš Šteger mit seinem Projekt vorschwebt, liest die Kochi-Aufzeichnungen mit Gewinn und meint am Ende besser zu verstehen, wie die Intensität des Lebens mit der Literatur zusammenhängen könnte. Bei den Impressionen aus Shanghai ist das anders, denn bald beschleicht den Leser das Gefühl, dass der Autor vom „Herz des chinesischen Kapitals“ (S. 119) nicht allzu viel verstanden hat. Hier versagt das „Logbuch“-Prinzip. Dass China „in seiner Opferbereitschaft […] erschreckend und faszinierend zugleich“ ist (S. 130), hätte Aleš Šteger auch in seiner Stammkneipe erfahren können. Man muss nicht um die halbe Welt fliegen, um festzustellen: „Dies ist das Zeitalter der gebeugten Köpfe, jeder im stillen Gebet vor dem Handy.“ (S. 124) Oder: „Die Zukunft ist schon in China angekommen.“ (S. 136) Das sind recht hilflose Gemeinplätze.

Am Solowki-Kapitel zeigt sich viel deutlicher, was ein „Logbuch“ sein kann – eine literarische Konstellation nämlich, in der sich blitzartig die Vielfalt des Lebens enthüllt und erhellt. Fast am Polarkreis gelegen, von Birken und Fichten, Moosen und Flechten bedeckt, überlagern sich auf dem Solowki-Archipel der Kosmos der russischen Orthodoxie, die grausame Realität des Gulag, die Welt des sowjetischen Militärs und das Künstler- und Touristentreiben von heute. Allgegenwärtig sei „der Geruch des spießigen Anzugs, in dem sie Breschnew begraben haben“ (S. 67). Man weiß, dass bis zu dreißig Prozent der Lagerinsassen den Winter nicht überlebten, dass Theater oder Kino die Folterungen und Erschießungen überdecken sollten, dass Maxim Gorki den Horror beschönigt hat. Überall Richtstätten, Gräberfelder und Kapellen. Um fünf Uhr dreißig beginnen die Messen: „Jeden Morgen, dreieinhalb Stunden Beten für Gott. Und am Abend das Ganze noch mal […] Gospodi, pomiluj […] Herr, erbarme dich.“ (S. 75f.) Durch Aleš Štegers eindrucksvolle Notizen und Fotos wird an solchen Stellen Geschichte anschaulich: „Eines der reichsten Klöster und eines der schlimmsten Gefängnisse, beides zur gleichen Zeit.“ (S. 90)

Das Konzept des literarischen „Logbuchs“ bewährt sich auch in Bautzen, an der „Grenze zwischen Deutschen und Slawen“ (S. 161). Dort schieben sich, jedenfalls im Blick des Autors, das Gedenken an die im Zweiten Weltkrieg getöteten Sowjetsoldaten und die allgegenwärtigen Erinnerungen an die berüchtigten DDR-Gefängnisse über die heutigen Konflikte zwischen Rechtsextremen und Asylbewerbern. „Nicht nur die sozial Benachteiligten sind Nazis“, erzählt ein Bautzener Müllmann. „Die sind überall.“ (S. 166) Dem „Logbuch“-Künstler fallen auch dort die vielen Gräber auf. „Der Schrecken von Bautzen ist gelb.“ (S. 176) Er zitiert Peter Huchel, erinnert an Ex-Häftlinge wie den Schriftsteller Walter Kempowski oder den ZDF-Moderator Eduard Zimmermann, trifft sich mit der Dichterin Róža Domašcyna und geht der „Nähe meiner slowenischen Sprache“ zum Sorbischen nach (S. 180). „Unsere Sprache ist doppelte Minderheit. Erstens, weil man vom Rest der Welt nicht verstanden wird. Und zweitens, weil die Sprache der Literatur auch in unserer Sprache eine Minderheitensprache ist. Weil Literatursprache immer Minderheitensprache ist.“ (S. 182) Die Lausitzer Sorben, so erzählt ihm Róža Domašcyna, hatten nie einen Staat oder Grenzen. „Wir haben nie Krieg geführt. Wir waren mit unserer Sprache bewaffnete Untertanen.“ (S. 189) Das sei, so der Autor, „sehr nahe an einer der Ideen, die die Slowenen von sich selbst haben“ (S. 190). Und damit kommt dann doch noch ins Spiel, dass der Verfasser dieses auf weite Strecken überzeugenden „Logbuchs“ ein großer Künstler aus dem kleinen Slowenien ist.

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