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Von Renate Lunzer

Bemerkungen zur Nachhaltigkeit des „Unternehmens Fiume“

Bei meinem letzten Besuch in Triest (it. Trieste, kr., sl. Trst) stolperte ich auf der zentralen, aber schlecht beleuchteten Piazza della Borsa beinahe über eine Bank mit einem lesenden Herrn, den ich nicht sofort erkannte: Gabriele D’Annunzio, dargestellt jedoch nicht als Kriegsheld oder Sturmtruppenkommandant, sondern als grübelnder Geistesmensch (merke: nebenliegend ein Stapel Bücher). Das Kunstwerk aus Bronze war präzise am 12. September 2019, dem 100. Jahrestag der patriotischen Inbesitznahme von Fiume (kr. Rijeka) durch den Dichter-Soldaten und seine „Legionäre“, enthüllt und von heftigen Polemiken begleitet worden. Die kroatische Regierung protestierte, der Bürgermeister von Rijeka definierte D’Annunzio im Sinne einer breiten historiografischen Tradition als Vorläufer der faschistischen Ideologie, die zentraleuropäisch inspirierte Triester Bürgerliste „Nein zum Denkmal“ (it. „No al monumento di D’Annunzio a Trieste“) warnte, dass die „literarische und politische Biografie D’Annunzios Italien zum Gespött der Welt mache“, während die rechtsextremen Fratelli d’Italia die bronzene Erinnerungspolitik der Stadtväter für einen „großen Gestalter der Nationalgeschichte“ ausdrücklich begrüßten. Zur gleichen Zeit lief in Triest die Ausstellung „Disobbedisco. La rivoluzione di d’Annunzio a Fiume 1919–1920“ [Ich gehorche nicht. D’Annunzios Revolution in Fiume 1919–1920], kuratiert von dem Journalisten und Bestsellerautor Giordano Bruno Guerri,[1] dem Präsidenten der D’Annunzio-Gedenkstätte „Vittoriale degli Italiani“ [Siegesdenkmal der Italiener] in Gardone Riviera. Natürlich sei die Gleichzeitigkeit von Ausstellung und Einweihung des Denkmals reiner Zufall, so der Kurator. Seiner hagiografischen Schau auf das emanzipatorische Weltverbesserungsexperiment des „Comandante“ von Fiume, den – so Guerri – Benito Mussolini arglistig vereinnahmt habe, steht die kroatische Interpretation gegenüber: Ebenfalls getreulich am 12. September wurde im einst ungarischen Gouverneurspalast von Rijeka, wo der Dichter residiert hatte und 1920 von Premier Giovanni Giolitti hinausbombardiert worden war, die von den Historikerinnen Tea Perinčić und Ana-Maria Milčić kuratierte Ausstellung „D’Annunzijeva mučenica – L’olocausta di D’Annunzio“ [D’Annunzios Märtyrerin] eröffnet. Die Stadt als Leidtragende einer repressiven, ökonomisch desaströsen Politutopie, instrumentalisiert wie die vielen vom „Unnachahmlichen“ verführten und verlassenen Geliebten oder die vielen „Legionärinnen“, die ihn nach und in Fiume begleiteten. 16 Monate des Schreckens für die slawischen Bürger, aber auch für die Autonomisten.

D’annunzio-Denkmal in Triest. © Daša Ličen, Jernej Kosi

Dass an zwei Kristallisationspunkten des italienischen Irredentismus wie Triest und Rijeka Mythos und Antimythos des Handstreichs und seines Protagonisten aufeinanderstoßen, hat seine Logik. Wenn aber nun 100 Jahre danach landauf, landab Gedenkveranstaltungen, internationale Kongresse und Publikationen verschiedener Art die kollektive Erinnerung auffrischen wollen; wenn wir – um nur Beispiele zu nennen – von einem italienischen Botschafter auf Französisch erfahren, ohne „D’Annunzio le Magnifique“, Sedimentation von Nietzsches Übermenschen, könne man Lawrence von Arabien, Antoine de Saint-Exupéry, André Malraux, den Spanischen Bürgerkrieg, ja sogar die Brüder Heinrich und Thomas Mann und Pier Paolo Pasolini nicht recht verstehen; wenn gestandene Historiker für eine Fotochronik des Unternehmens in den Familienalben der Freischärler D’Annunzios blättern; wenn sein Motto „Fiume oder der Tod“ einer deutschen Publikation von rechts als Titel dient oder seine Regentschaft als „Kommune der Faschisten“ abgehandelt wird; wenn uns endlich auch Comic Strips das kurzweilige Epos am Kvarner-Archipel erzählen – so legt all das und noch mehr den Schluss nahe, dass wir einer ansteigenden Remythologisierungswelle jener Mythen beiwohnen, die der „Poeta“ selbst, ein Marketing-Genie sondergleichen, einst noch viel gekonnter konstruierte und orchestrierte.

Was aber ist die Substanz, und was sind die Folgen jener Ereignisse, die sich einer solchen Nachhaltigkeit“ erfreuen? Bekanntlich wollten bei den Pariser Friedensverhandlungen die übrigen Siegerstaaten des Ersten Weltkriegs Italien nicht alle im Londoner Geheimvertrag von 1915 versprochenen Territorien zuerkennen. In der adriatischen Frage hatten sich mit der Neuentstehung des Staates der Serben, Kroaten und Slowenen die Gewichte verschoben, und die Alliierten (allen voran Woodrow Wilson) waren nicht zum Nachgeben geneigt. Besonders erbittert wurde von der italienischen Delegation um Fiume gekämpft, obwohl es Italien im Pakt nicht zugesagt worden war. Die multiethnische, mehrheitlich von Italienern und Kroaten bewohnte Hafen- und Industriestadt, in der „auch der dümmste Mensch vier Sprachen beherrschte“, hatte vor dem Krieg als „Corpus separatum“ mit ausgeprägten autonomistischen Tendenzen zur ungarischen Reichshälfte der Habsburgischen Monarchie gehört und stand nun unter interalliierter Besatzung. Für die zu einer Kernfrage des nationalen Prestiges hochgespielte Forderung nach Dalmatien und Fiume hatte D’Annunzio in einer Ode rechtzeitig das Leitmotiv des „verstümmelten Siegs“ geliefert.

Italien erhielt am 10. September 1919 im Friedensvertrag von St. Germain das Trentino und Südtirol (it. Alto Adige), Julisch-Venetien (it. Venezia Giulia, mit Triest) und Istrien, nicht aber Fiume. Am 12. September zog der Dichter-Soldat in seiner prachtvollen roten Fiat-Limousine an der Spitze von etwa 2.000 Mann (Sardische Grenadiere, Arditi, zahlreiche Offiziere) in Fiume ein, ohne dass ein Schuss fiel. Dem Oberkommandierenden der Streitkräfte in der Venezia Giulia, Nicolis di Robilant, einem piemontesischen Liberaldemokraten, gelang es nicht mehr – worauf Marina Cattaruzza ausdrücklich hinweist –, den Aufruhr mit den vorgesehenen drastischen Maßnahmen zu unterdrücken: Er wurde am 13. September zugunsten des stellvertretenden Generalstabschefs Pietro Badoglio abgesetzt. Die Besetzung von Fiume war nämlich nicht – wie gerne dargestellt – ein Heldenstück D’Annunzios, sondern das Ergebnis monatelanger Vorbereitungen, an denen prominente Vertreter der regulären Streitkräfte, nationalistische Parlamentarier, Hofkreise sowie irredentistische Repräsentanten der Stadt selbst teilgenommen hatten. D’Annunzio war ihr ausführender Arm, als solcher allerdings perfekt: Der skandalumwitterte „décadent“ hatte nicht nur aufwendig an der Etablierung seines eigenen Mythos vom „Leben als Kunstwerk gearbeitet, sondern war seit den 1890er-Jahren auch zum wichtigsten Sprachrohr des italienischen Nationalismus geworden. Sein pseudoreligiöser „hate speech“ und seine spektakulären Aktionen (Flug über Wien im Jahr 1918) fungierten als poetisch-propagandistischer Begleithorizont zur Teilnahme Italiens am Ersten Weltkrieg.

Die Wahl des „bewaffneten Ariel“ zum Anführer des Überfalls auf Fiume ermöglichte freilich eine Entwicklung, mit der die Auftraggeber wohl nicht gerechnet hatten: Die Stadt wurde zum Exerzierfeld eines politischen, künstlerischen und existenziellen Experimentalismus, der in seiner unüberbietbaren Originalität, oder, je nach Perspektive, Bizarrerie bis heute nicht nur das Interesse der (Literatur-)Historiker anregt – „Stadt der Leidenschaft“ (Raoul Pupo), die eine Zeit lang auch Teile der Bevölkerung mitriss. Paradies der Avantgarden (Futuristen & Co.), Musik, Tanz, freie Liebe, Drogen, Esoterik, Exzentrizität aller Art mischten sich diffus mit rabiatem oder mystischem Patriotismus, Frontkämpfergesinnung und präpotent-dynamischem Jugendkult. Umsturz der konstituierten Ordnung auf allen Ebenen. Der „Comandante“ predigte vom Balkon, Mussolini sollte später seine Liturgie der pseudo-dialogischen Massenkommunikation übernehmen. Mussolini hatte begriffen, dass in Fiume der Anti-Staat entstanden war, von dem aus man Rom aushebeln konnte, aber er war ein Konkurrent, der nur den Helfer D’Annunzios spielte, und er kannte vermutlich den Unterschied zwischen einem Bacchanal und einem Umsturz.

Doch die Stadt war infolge der wirtschaftlichen Blockade in zunehmend ernsten Versorgungsschwierigkeiten, zahlreiche Einwohner landeten aus diesen und anderen, politischen Gründen im Exil. Der „Comandante“ musste nun auch auf linke und anarchistische Subversion setzen wie Piraterie – mit Konnivenz der Gewerkschaft der Meeresarbeiter. Sein neuer Kabinettschef, der revolutionäre Syndikalist Alceste de Ambris, arbeitete die vieldiskutierte Verfassung eines korporatistischen Staats mit sozialutopischen Zügen aus. Sie trat nie in Kraft. Im Juni 1920 übernahm in Rom der alte Fuchs Giovanni Giolitti, ein Erzfeind des Dichters, die Regierungsgeschäfte. Im November gelang der Abschluss des Grenzvertrags von Rapallo: Große Teile Dalmatiens gingen an den jugoslawischen Staat, Fiume erhielt mit dem Status eines Freistaats die Chance, wieder ein multinationaler Hafen zu werden. D’Annunzio erkannte den Vertrag nicht an und erklärte Rom den Krieg. Zu Weihnachten machte Giolitti dem Theater ein Ende und ließ den Regierungspalast von Fiume beschießen. Nach kurzen Kämpfen zählte man 60 Tote und erhebliche Sachschäden. D’Annunzio verließ die Bühne der Geschichte, ohne seinen Schwur „Fiume oder der Tod“ eingelöst zu haben.

Während der 16 Monate des Abenteuers von Fiume war das Verhältnis zwischen (Teilen des) Militärapparat(s) und der Regierung in eine gefährliche Krise geraten. Die liberale Führungsschicht hatte sich zu allem anderen dadurch diskreditiert, dass sie offensichtlich ungesetzliche, aber genügend patriotisch eingefärbte Aktionen tolerierte, ebenso der König, der es nicht gewagt hatte, durch den rechtzeitigen Einsatz der Armee die Glaubwürdigkeit der staatlichen Ordnung aufrechtzuerhalten. Alles in allem hatte sich die Möglichkeit konkretisiert, den nationalistischen Expansionismus, die zerstreuten Kräfte der subversiven Rechten, den Antiparlamentarismus, den Mythos der Jugend und den Mythos des verstümmelten Sieges wirkmächtig zu vereinen. Gaetano Salvemini sprach treffend von der „Gelatine, in der die Mikroben des Faschismus gezüchtet wurden“.

Abhandlungen über die Berechtigung, den vielen schmückenden Beiwörtern D’Annunzios das eines Präfaschisten hinzufügen zu dürfen, scheinen mir letztlich müßig. Fest steht, dass der heroische Dichter dem Politiker Mussolini – bei allem, was die beiden unterscheidet – das Modell für die Machtergreifung ebenso wie für die Organisationsformen seiner Miliz lieferte, inklusive Uniform, Kampfruf, Slogans, nicht zu vergessen die choreografischen Muster für die Massenbewegungen, die zur Ästhetisierung der Politik gehören.

Kehren wir zum Ausgangspunkt zurück, zur Interpretation des D’Annunzio-Denkmals als politischer Akt. In der Tat weisen nicht nur kroatische Historiker auf ein Narrativ zu Italiens Ostgrenzen hin, das etwa seit der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre wieder neu „under construction“ ist, intensiviert durch den 2004 installierten „Giorno del ricordo“ [Tag der Erinnerung], den Gedenktag an die titoistische Gewalt („foibe“) und den tragischen Exodus der italienischen Bevölkerung Istriens, Fiumes und Dalmatiens ab 1945. Nur von Teilen der italienischen Öffentlichkeit akzeptiert, dies sei deutlich gesagt, zeigt dieses Narrativ national-italienische bis neo-irredentistische Züge und neigt dazu, die Mitverantwortlichkeit von zwanzig Jahren Faschismus im Adriaraum für jene schrecklichen Geschehnisse herunterzuspielen. Der Dichter-Held von Fiume bietet dafür offensichtlich eine willkommene Projektionsfläche.

Gedankensplitter: Dreihundert Einjährig-Freiwillige des 85. Regiments Rav „Verona“ legten im Mai 2019 ihr Gelöbnis in D’Annunzios „Vittoriale degli Italiani“ ab. Hat man sich überlegt, dass man Rekruten der Armee (also einer Institution des Staats) dort schwören ließ, wo eine Persönlichkeit residiert hatte, die mit ihren Unternehmungen in hohem Maß die Institutionen des Staats zu destabilisieren suchte? Wie weit darf Remythologisierung gehen?

 

Renate Lunzer, geboren in Wien, ist Dozentin für italienische Literaturwissenschaft und Translatorik an der Universität Wien. Sie hat zahlreiche Publikationen zur neueren italienischen Literatur, zu den österreichisch-italienischen (Kultur-)Beziehungen, zum adriatischen Irredentismus, zur Kriegs- und Exilliteratur sowie zur Kulturtransferforschung veröffentlicht.

 

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 1 (2020), Jg. 15, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 231–234.

 

[1] Unter anderem Autor des Buches: La mia vita carnale. Amori e passioni di Gabriele DʼAnnunzio [Mein Sinnenleben. Lieben und Leidenschaften Gabriele DʼAnnunzios]. Milano 2014. Es gibt zwar die „Fleischeslust“, aber wäre nicht „Sinnenleben“ besser?  Gottseidank sind wir aber  nicht Guerris Übersetzerinnen.