Laura Cheie, Eleonora Ringler-Pascu, Christiane Wittmer (Hgg.): Österreichische Literatur. Traditionsbezüge und Prozesse der Moderne vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Wien: Praesens Verlag 2018. 252 S.

Von Beate Petra Kory

Der vorliegende Sammelband umfasst zwölf Beiträge zur österreichischen Literatur und Kultur, die im Rahmen der internationalen Tagung »Germanistik zwischen Regionalität und Internationalität: 60 Jahre Temeswarer Germanistik« zwischen dem 20. und 22. Oktober 2016 in der vom österreichischen Kulturforum betreuten Sektion »Österreichische Literatur. Traditionsbezüge und Prozesse der Moderne vom ­19. Jahrhundert bis in die Gegenwart« an der West-Universität Temeswar vorgetragen wurden. Die Herausgabe des Bandes erfolgte mit Unterstützung des österreichischen Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft (BMWFW).

Der Tagungsband, dem ein aufschlussreiches Vorwort der Herausgeberinnen vorangestellt ist, gliedert sich in fünf thematische Abschnitte. Eröffnet wird er mit der Arbeit Region und weite Welt. Noch einmal zum Österreichischen in der österreichischen Literatur von Konstanze Fliedl. Der Beitrag dient der literarischen Verortung und unterzieht die fünf in den Diskursen über das »Österreichische« dominierenden Kategorien Nation, Territorium, Kultur, Stil und Sujet einer kritischen Betrachtung im Hinblick auf ihre Tauglichkeit, das Wesen des »Österreichischen « zu bestimmen. Er kommt dabei zum Umkehrschluss, dass die literarische Konstruktion des »Österreichischen« im Wesentlichen auf die Autoren und Autorinnen selbst zurückzuführen sei.

Die folgenden drei Beiträge zum Thema (Post-)Moderne Befindlichkeiten sondieren die Endzeitstimmung, die zunehmende Erosion des Privaten sowie die Vereinsamung des Menschen im österreichischen Roman und Drama des 21. Jahrhunderts. So widmet sich Kathleen Thorpe dem postapokalyptischen österreichischen Roman, indem sie Thomas Glavinics Buch Die Arbeit der Nacht (2004) im Vergleich mit dem 2015 erschienenen Winters Garten der jungen österreichischen Schriftstellerin Valerie Fritsch untersucht. Der Beitrag Irina Hrons widmet sich dem 2011 erschienenen Roman Die Schmerzmacherin von Marlene Streeruwitz und fragt, auf welche Weise Privatheit als ein Grundrecht des Menschen entweder eigensinnig konserviert, mittels Strategien der voyeuristischen Macht und Gewaltausübung untergraben oder aber durch das Eindringen in das Private auf die Spitze getrieben wird. Die Studie Eleonora Ringler-Pascus beschäftigt sich mit dem Text des österreichischen Dramatikers Volker Schmidt, Eigentlich schön, der am ­12. Dezember 2015 am Deutschen Staatstheater in Temeswar (DSTT) in der Regie des Autors seine Premiere erlebte. Auf diese Inszenierung ist auch das Coverbild des Sammelbandes zurückzuführen. Ringler-Pascu setzt vielfältige Mittel des Herangehens an den Text ein, die eine tief schürfende Analyse ermöglichen: Sie setzt sich nicht nur mit dem dramatischen Text sowie mit dem vom DSTT erstellten Programmheft auseinander, sondern zieht auch den Bühnentext heran, der ihr seitens des Theaters zur Verfügung gestellt wurde, und bezieht sich darüber hinaus auf ein Interview, das sie in Wien im Juni 2017 mit dem Autor geführt hat.

Der dritte Teil des Sammelbandes besteht aus zwei Beiträgen, die die Stichwörter Sinn und Unsinn vereinen. Attila Bombitz erörtert Sinnfragen des menschlichen Daseins im Spiegel des Werks von Daniel Kehlmann. In den Blickpunkt der Aufmerksamkeit geraten sowohl Romane, die vor Die Vermessung der Welt (2005) entstanden sind, der Kehlmanns Ruhm begründete, wie Beerholms Vorstellung (­1997), in dem der Protagonist zwischen mathematischer Wissenschaft und magischer Zauberkunst pendelt, Mahlers Zeit (­1999), in dem der Autor mit dem zweiten Grundsatz der Thermodynamik experimentiert, und Der fernste Ort (2001­), in dem der Protagonist nach einem Unfall beim Schwimmen ein »anderes« Leben und eine andere Identität gewinnt, als auch Romane, die nach dem durchschlagenden Erfolg Kehlmanns entstanden sind wie Ruhm. Roman in neun Geschichten (2009) oder F (2013). Laura Cheie zeichnet in ihrem Beitrag Paul Celans Gratwanderung zwischen Sinn und Unsinn, beginnend mit seiner Früh- bis hin zur Spätlyrik, nach. Sie zitiert im Titel Verszeilen aus einem am 9. April ­1966 niedergeschriebenen Gedicht: »Bekrönt mit Rebellen-Tand und scheppernden Narrenschellen, Weisenschellen« und nimmt damit die Hauptthemen ihres Beitrags vorweg, der das doppelgesichtige Motiv des Narren als Rebell und Weiser in Celans Lyrik behandelt.

Der vierte Abschnitt des Bandes widmet sich mit drei Beiträgen dem Themenspektrum Autorschaft, Poetik und Kritik der Sprache. Erzsébet Szabó legt in ihrem Aufsatz eine Neuinterpretation der zweiten, ­1924 erschienenen Monolognovelle Arthur Schnitzlers, Fräulein Else, vor und geht dabei der Frage nach, weshalb Schnitzler vierundzwanzig Jahre nach dem Erscheinen seiner Monolognovelle Leutnant Gustl (­1900) mit Fräulein Else ein Pendant zu diesem Werk verfasst hat. Jadwiga Kita-Hubers Arbeit behandelt die Verfahren der Auto(r)fiktion in zwei Romanen von Thomas Glavinic: Das bin doch ich (2007) und Der Jonas-Komplex (2016). Im ersteren Fall geht sie dem beständigen Pendeln des Autors zwischen Privatheit und Öffentlichkeit im 21. Jahrhundert nach, beleuchtet aber auch traditionelle Perspektiven der Autorschaft, die im Roman umgekehrt werden. Im zweiten Roman untersucht sie die komplexe narrative Inszenierung des autorschaftlichen Ichs durch die gegenseitige Bespiegelung in den drei verschiedenen Handlungssträngen und deutet auf die Entmachtung des Autorsubjekts hin, die sich am stärksten in Gesundheits- und Bewusstseinsproblemen des Protagonisten widerspiegelt.

In ihrem Das Ende der Literatur als Utopie und die Kritik der Sprache betitelten Beitrag nimmt Eva Höhn die poetologische Praxis der Autoren und Autorinnen der Nachkriegsgeneration im Vergleich mit den in den 1970er- und 1980er-Jahren debütierenden Schriftstellern und Schriftstellerinnen unter die Lupe. Beispielhaft für die erste Generation stehen Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll. Die Schriftsteller der jüngeren Generation, deren Ästhetik in der sprachkritischen Philosophie der linguistischen Wende gründet, sind mit Namen wie Paul Nizon und Patrick Süskind vertreten.

Der fünfte und letzte Teil des Sammelbandes umfasst drei Beiträge, die österreichische Kultur-, Gedächtnis- und Kommunikationsräume erkunden. Christiane Wittmer stellt den ­1913 in einem Leipziger Verlag veröffentlichten, heute in Vergessenheit geratenen Roman Die Königin von Saba mit dem Untertitel Ein moderner Sittenroman von Regine Goldschläger vor, einer jungen Autorin mit jüdischen Wurzeln aus Radautz (rum. Rădăuți, ung. Radóc, jidd. Radevits), der östlichen Peripherie der Habsburgermonarchie. Aus der Vielzahl der im Roman angesprochenen (pseudo)wissenschaftlichen Theorien und (populär)medizinischen Thesen der Vorkriegszeit greift sie die Vererbungslehre und die Freud’sche Psychoanalyse heraus und geht schließlich auf die feministischen Themen des Romans ein, die Kritik an der bürgerlichen Doppelmoral, die Frage nach der unehelichen Mutterschaft, Neugeborenentötung, Prostitution sowie die Kritik an der mangelnden sexuellen Aufklärung der weiblichen Jugend.

Der Beitrag von Elin Nesje Vestli rückt drei Texte des Historikers und Schriftstellers Martin Pollack ins Zentrum der Aufmerksamkeit: den Bericht über die nationalsozialistische Vergangenheit seines Vaters, Der Tote im Bunker (2004), der ihm seinen Durchbruch als Autor sicherte, sowie die beiden Essaybände Kontaminierte Landschaften (2014) und Topografie der Erinnerung (2016).­[1] Vestli hebt hervor, dass Pollack mit dem Begri” »kontaminierte Landschaften« für eine forensische Archäologie plädiert, die durch die mühsame Arbeit des Schicht-für-Schicht-Abtragens Zonen früherer Gräueltaten aufdecken und kartografisch erfassen soll. Sein Ziel ist es dabei« – so Vestli –, dem Vergessen und Verdrängen der Untaten aktiv entgegenzuwirken und eine Aufarbeitung der Vergangenheit in die Wege zu leiten. Desgleichen zeigt ihre Untersuchung auch auf, dass Pollacks Texte in einem Grenzbereich zwischen Essay, Reportage, dokumentarischem Roman und autobiografischem Text angesiedelt sind.

Im letzten Beitrag des Bandes richtet Cristina Spinei die Aufmerksamkeit auf die Werbeinserate in der zwischen 1893 und 1914 in Czernowitz (ukr. Tscherniwzi, rum. Cernăuți) erschienenen Zeitung Bukowinaer Post und zeigt auf, dass diese wertvolle Einblicke in das kulturelle Leben einer pluriethnischen und sozial heterogenen Stadt vermitteln.

Ausgehend von der Neuverortung der österreichischen Literatur in Zeiten globaler Migration im ersten Beitrag gelingt es dem Sammelband, vermehrt Themen des 21. Jahrhunderts wie Apokalypse, Gefährdung der Privatsphäre, Facebook- Generation oder den Wandel des Autorschaftskonzepts in der Ära des Internet zu problematisieren. Desgleichen werden Neuinterpretationen von Autoren und ­ vorgelegt sowie die Literaturlandschaft der Bukowina erkundet.

So bietet der vorliegende Sammelband einen faszinierenden Querschnitt durch die vielfältige Literaturlandschaft Österreichs im 20. und 21. Jahrhundert und regt dadurch sowohl zur Lektüre als auch zu weiterführenden theoretischen Auseinandersetzungen mit der österreichischen Literatur an.

[1] Vgl. Silvia Petzoldt: Begegnungen mit den Gespenstern der Vergangenheit. In: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas 13 (2018) H. 2, S. 228–231.

 

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 2 (2019), Jg. 14 (68), Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 115–118.