Mariana-Virginia Lăzărescu, Delia Cotârlea: Das rechte Gespräch | Rezension

Mariana-Virginia Lăzărescu, Delia Cotârlea (Hgg.): »Das rechte Gespräch. keine(r) ringt nach Geltung, aber jede(r) kommt zur Geltung!« Beiträge zur deutschen und österreichischen Literatur der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Berlin: Wissenschaftlicher Verlag 2018. 147 S.

Von Maria Irod

Der von Prof. Dr. Mariana-Virginia Lăzărescu (Universität Bukarest) und Lekt. Dr. Delia Cotârlea (Transilvania Universität Kronstadt/Brașov) herausgegebene Sammelband enthält neun Beiträge von Germanistinnen aus mehreren Ländern, die ihr Augenmerk auf verschiedene Aspekte der deutschsprachigen Literatur der Moderne richten. Der passend gewählte Titel – der Hugo von Hofmannsthal paraphrasiert – hebt den angestrebten Facettenreichtum des Bandes hervor, der durch interdisziplinär und interkulturell angelegte Aufsätze möglichst viele relevante kulturgeschichtliche Themenkomplexe der behandelten Literaturepoche aufzuzeigen beabsichtigt. Zugleich liegt der Sammlung das ethische Desiderat zu Grunde, mittels geisteswissenschaftlicher Arbeit zu einer Kultur des Dialogs beizutragen.

Wie dem Vorwort der Herausgeberinnen zu entnehmen ist, beruhen die Aufsätze, bis auf zwei Ausnahmen, auf Vorträgen, die auf dem ¡. Kongress der Germanisten Rumäniens (Bukarest, 2012) in der von Mariana-Virginia Lăzărescu geleiteten Sektion zum Thema »Wahrnehmungen und Erfahrungen in der Literatur der Jahrhundertwende« gehalten wurden. Die Auswahl der Beiträge spiegelt das breite thematische Spektrum der literarischen Moderne im deutschsprachigen Raum wider. Darüber hinaus verweist die Tatsache, dass mehrere Autorinnen sich denselben Schwerpunkten widmen, auf die dialogische Grundhaltung des Bandes. So steht etwa die Problematik der Frauenemanzipation, der Geschlechterpolarität sowie der weiblichen Autorenschaft im Mittelpunkt der Untersuchungen von Lucia Gorgoi (Cluj-Napoca/ Rumänien), Petra Kramberger (Ljubljana/ Slowenien) und Graziella Predoiu (Timișoara/Rumänien). Mit Fragen der Wandlung in der Raum- und Zeitwahrnehmung, des Heimatverlustes und der Wohnsymbolik beschäftigen sich aus raumnarratologischer Perspektive Vilma-Irén Mihály (Miercurea Ciuc/Rumänien) und Silvia Ulrich (Torino/Italien). Als damit verwandter Aspekt tritt der Exotismus im China-Diskurs bei Dagmar Lorenz (Wiesbaden/Deutschland) in den Vordergrund und wirft zugleich Fragen der Rezeption und der Konstruktion von Alterität auf. Um die Neuauslegung einer mythisch-religiösen Vorlage und deren Vereinnahmung durch den individualistischen Menschen/Künstler der Moderne geht es sowohl bei Lorenz als auch bei Mihály und bei Iulia Elena Zup (Iași/Rumänien). Die Aufsätze der slowenischen Germanistinnen Petra Kramberger und Tanja Žigon (Ljubljana/Slowenien) haben als gemeinsamen Nenner eine akribische Dokumentationsarbeit und präsentieren bislang wenig bekannte Informationen über den Beitrag deutschsprachiger Autorinnen zu einer Marburger Zeitschrift beziehungsweise über die Rezeption der deutschsprachigen Literatur im slowenischen Gebiet. Abgerundet wird der Band durch den Beitrag von Ana Karlstedt (Bukarest/Rumänien), der literaturwissenschaftliche Ansätze mit einer methodisch-didaktischen Fragestellung verbindet.

Auch wenn sich nicht alle Studien theoretisch eindeutig verorten lassen, bemühen sich alle Autorinnen um die Neuinterpretation kanonischer Werke oder um die kritische Sichtung wenig erforschter literarischer Felder. Lucia Gorgois Literarische Geschlechterkonstrukte um die Jahrhundertwende am Beispiel einiger Werke von Lou Andreas-Salomé überschriebener Beitrag untersucht Männer- und Frauenbilder in ausgewählten Romanen und Novellen der russisch-deutschen Autorin. Die literarischen Werke werden einerseits vor den biografischen Hintergrund gestellt und andererseits im größeren Kontext der zeitgenössischen Geschlechterkonzepte betrachtet, wobei die Verfasserin ihr Augenmerk auf die Originalität Andreas-Salomés richtet und zum Schluss kommt, dass die zu Unrecht in Vergessenheit geratene Schriftstellerin »maßgeblich zum Entwurf des neuen Gender- Konstrukts um die Jahrhundertwende beigetragen« (S.­ 25) habe.

Ana Karlstedt macht sich Gedanken über die Didaktisierung von sprachlich schwieriger Literatur im Fremdsprachenunterricht. Vernetzendes Lernen zur Vermittlung literarischer Epochenumbrüche. Didaktische Überlegungen für DaF-Studierende auf A2-B1-Niveau ist als Bericht aus der Praxis der Autorin gedacht und unterbreitet Vorschläge, die das Vermitteln von literaturhistorischem und -theoretischem Wissen mit der Herstellung von diachronischen und transdisziplinären Bezügen sowie mit der handlungsorientierten Auseinandersetzung mit Informationen verknüpft. In Autorinnen in der Sonntags-Beilage der »Marburger Zeitung« (1886–1896) bietet Petra Kramberger einen informativen und gut lesbaren Überblick über die Präsenz von Schriftstellerinnen in der literarischen Beilage der wichtigsten deutschsprachigen Publikation in Marburg an der Drau (slo. Maribor) Ende des ­19. Jahrhunderts.

Der Aufsatz Tradition und chinesischer Exotismus bei Hugo von Hofmannsthal von Dagmar Lorenz berührt die Problematik des Übertragens chinesischer Werte und Denkmuster auf europäische Zustände und zeigt am Beispiel Hofmannsthals, wie sich der Krisendiskurs der Moderne literarisch und kulturgeschichtlich vermittelter China-Bilder bedient und dabei Eigenes und Fremdes vermischt bzw. neu interpretiert. In ihren Betrachtungen zum Bereich des Mythischen in Joseph Roths Hiob versucht Vilma-Irén Mihály, ausgehend von Ernst Cassirers Theorie des mythischen, ästhetischen und theoretischen Raumes und von Mircea Eliades Unterscheidung zwischen dem Heiligen und dem Profanen sowie in Anlehnung an Telse Hartmanns These über die Konfrontation der jüdisch-diasporischen Zeit mit der Moderne, Roths Roman im Kontext des modernen Paradigmenwechsels zu interpretieren. Graziella Predoiu nimmt in ihrem Artikel Geschlechterkampf, Gewalterotik und Heilung in Leopold von Sacher-Masochs Venus im Pelz die bekannteste Novelle des österreichischen Autors unter die Lupe. In ihrem Versuch, die literarischen und kulturhistorischen Aspekte des Masochismus zu erklären, bedient sich die Autorin hauptsächlich einer psychoanalytisch inspirierten Lesart, nimmt auf ältere wie neuere Studien (von Theodor Reik bis Hartmut Böhme) Bezug und zieht dabei auch Parallelen zu Kafka. Silvia Ulrich untersucht den Übergang vom heimzentrierten 19. Jahrhundert zur Hotelkultur der ersten Hälfte des 20.­ Jahrhunderts anhand literarischer Werke der Moderne. Ihr Beitrag Asylsuchende Weltbürger, heimatlose Hotelpatrioten und Verwandtes. Zur Wohnsymbolik bei Stefan Zweig, Joseph Roth und Franz Kafka fokussiert mit Hilfe poststrukturalistischer und rezeptionsästhetischer Ansätze das Zusammenspiel von Öffentlichem und Privatem.

Tanja Žigons Die Rezeption der deutschen Autoren und Autorinnen im slowenischen Gebiet Ende des 19. Jahrhunderts bietet wertvolles Ausgangsmaterial für weitere Forschungen. Die Verfasserin konzentriert sich auf die Lesegewohnheiten des deutschsprachigen bürgerlichen Publikums in Laibach (slo. Ljubljana) mit besonderer Berücksichtigung der Privatbibliotheken und gewährt dabei Einblicke in die soziokulturelle Situation des damaligen Krain.

Der letzte Beitrag des Bandes, Der Unheilige, Gesetz und Strafe in Leo Perutz’ Der Judas des Leonardo von Iulia Elena Zup, bietet eine eingehende Analyse der Erzählstruktur und der Figurenkonstellation in Perutz’ Rätselroman. Die Autorin geht von André Jolles’ literaturtheoretischen Überlegungen zum Heiligen und Unheiligen als grundsätzlich fiktiven Typen aus und stellt die These auf, dass der Protagonist des Romans ein »Verbrecher durch imitatio« (S. 135) sei.

Insgesamt liegt ein Band vor, der anregende Diskussionsbeiträge zum ergiebigen Forschungsbereich der literarischen Moderne enthält. Alle Aufsätze bieten durch akribisches Lesen der untersuchten Werke, das Textspuren der historischen Wirklichkeit zu entdecken vermag, methodisch gesicherte Auslegungen und Einordnungen in einen erweiterten kulturgeschichtlichen Kontext. Dabei spannen die meisten Autorinnen durch die angewendeten theoretischen Ansätze den Bogen von der literaturgeschichtlichen Forschung bis zu aktuellen Fragen, etwa der Genderproblematik oder der Raumnarratologie.

 

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 2 (2019), Jg. 14 (68), Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 122–124.

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