Thomas Bremer, Assad Elias Kattan, Reinhard Thöle (Hgg.): Orthodoxie in Deutschland. Münster: Aschendorff Verlag 2016. 276 S.

Von Mihai-D. Grigore

​Die Themen Orthodoxie und orthodoxes Christentum sind in Deutschland auf institutioneller und alltäglicher Ebene – außer in den Kreisen der Bildungseliten – terra incognita. Nicht nur, dass Behörden in ihren Formularen meistens keinen Raum für den orthodoxen Glauben einräumen, auch die Menschen auf der Straße wissen mehr über Buddhismus und Islam als über Orthodoxie. Die Fragen »Was ist das?! Ist das noch Christentum?! « sind nicht selten.

Daher ist die Publikation eines Sammelbandes, der sich mit der Situation orthodoxer Kirchlichkeiten in Deutschland beschäftigt, unbedingt zu begrüßen. Leider wird er kaum Eingang ins öffentliche Bewusstsein finden, was die Grenzen und Unzulänglichkeiten des Formats »Sammelband« vor Augen führt, wenn es eigentlich nicht darum geht, bereits mit Orthodoxie vertraute akademische Eliten und Bildungsbürger anzusprechen, sondern der breiten Öffentlichkeit diese wichtigen Informationen zu vermitteln. Der Band bemüht sich, durch die Einfachheit und Leserfreundlichkeit der Beiträge dieser Tendenz entgegenzuwirken, seine Rezeption ist jedoch außerhalb der academia bescheiden. Immerhin hat Orthodoxie in Deutschland eine 5-Sterne- Rezension auf amazon.de vom Diakon Dr. Elmar Kalthoff[1] von der Russisch- Orthodoxen Gemeinde Krefeld bekommen, was erfreulicherweise zeigt, dass zumindest en famille die Arbeit der Autorinnen und Autoren des Sammelbandes geschätzt wird.

Der Band ist klar strukturiert. Nach einem Vorwort folgen drei große Sektionen zu »Geschichte«, »Sachthemen« und schließlich zu den »altorientalischen Kirchen«, die somit dem Themenkomplex Orthodoxie ohne ekklesiologische Erklärung der Unterschiede zwischen chalkedonischen und nicht-chalkedonischen Kirchen hinzugefügt werden. Die semantische Einheit »Orthodoxie« – so wie sie in diesem Band allerorts verwendet wird – ist leider nirgendwo Gegenstand der Reflexion.

Das Vorwort präsentiert die Ziele und Argumentationslinien des Sammelbandes. Die erste Sektion zu »Geschichte« kombiniert Beiträge unterschiedlicher Länge und Zugangsweise. Während sich der informativ und analytisch kaum zu übertreffende historische Überblick Nikolaj Thons über einzelne orthodoxe Gemeinden in Deutschland und ihren Weg zur Orthodoxen Bischofskonferenz – der Versammlung der Bischöfe aller anerkannten orthodoxen Kirchen in Deutschland – durch seinen wissenschaftlichen Stil auszeichnet, erscheint z. B. der kurze Aufsatz Elias Ebers zur Situation syrischer Flüchtlinge in Deutschland eher wie ein Pressebericht mit apologetischpolemischem Unterton, was freilich den informativen Wert der Arbeit keineswegs mindert. Die zweite Sektion zu praktischen Aspekten der orthodoxen Kirchlichkeiten in Deutschland ist nicht nur die umfangreichste des Bandes, sondern meines Erachtens auch die beste: Hier werden fundamentale Aspekte des orthodoxen Religionsunterrichts in Deutschland, der ökumenischen Offenheit der in Deutschland zu findenden Orthodoxien, der Präsenz der orthodoxen Theologie an deutschen Universitäten sowie die Medienarbeit und die Stipendien- Programme für orthodoxe Studenten besprochen. Die letzte Sektion zu den altorientalischen Kirchen (zur Assyrischen Kirche des Ostens, zu den Kopten, den Syrisch-Orthodoxen und zur Armenischen Kirche) ist ebenfalls informativ und aufschlussreich, obwohl nicht alle altorientalischen Kirchen behandelt werden, wie der Titel hoffen lässt.

Zum Schluss sollen vier Unzulänglichkeiten des Bandes punktuell angesprochen werden: 1. Die Rumänisch-Orthodoxe Kirche, die zweitgrößte Orthodoxie der Welt, findet keine gesonderte Besprechung, die Russische dafür gleich zwei, was Fragen nach dem Gleichgewicht des Buchkonzepts aufwirft. 2. Die nicht durchgehende Wissenschaftlichkeit der Beiträge wurde bereits angesprochen, hier soll nochmals auf die hin und wieder auftauchenden polemischen Noten des Diskurses aufmerksam gemacht werden, z. B. auf Seite 43, wo Erzpriester Nikolai Artemoff von München die Chance nicht versäumt, politisch zu werden: Er verweist auf die »kirchliche Tätigkeit zum Wohl des gesamten orthodoxen Kirchenvolks, und dies nicht nur im Hinblick auf die Kirche in der Einheit der russischen Lande, einschließlich der Ukraine und Weißrusslands, mit denen die kirchlichen Bande stetig gefestigt werden« [Hervorhebung durch den Autor]. Das stellt einerseits eine direkte Einbeziehung des kirchlichpolitischen Diskurses des Moskauer Patriarchats dar, andererseits eine indirekte Mahnung an Seine Seligkeit Bartholomaios I., den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, und wirft die zentrale Frage auf, ob der Band sich auf solche politischen Stellungnahmen hätte einlassen müssen oder vielleicht doch eine stringentere Sachlichkeit hätte pflegen sollen. Die Zuspitzung des ukrainischen Kirchenstreits nach dem Erscheinen des Bandes zeigt, wie komplex sich die Lage gestaltet und wie gefragt Sachlichkeit und Äquidistanz sind. 3. Der Rezensent hätte sich bei der Besprechung des ökumenischen Engagements der in Deutschland präsenten Orthodoxien auch ein Eingehen auf die antiwestlichen Diskurse gewünscht, die auf Gemeindeebene in der Predigt oder Katechese noch stark in Erscheinung treten – nicht nur gegen Werte der europäischen Gemeinschaft, sondern auch direkt gegen andere Konfessionen, z. B. der immer wieder auftauchende locus communis, dass evangelische Christen eigentlich Ketzer seien. 4. Angesichts der breiten Themenpalette, der vielen Namen, Orte und Institutionen, die genannt werden, wäre ein Register am Ende des Bandes eine wahre Hilfe für den Leser gewesen.

Schlussfolgernd haben wir einen Sammelband vor uns, der über große Strecken den Eindruck einer orthodoxen Priesterkonferenz vermittelt. Hervorragend geschriebene Beiträge vermischen sich mit eher informellen Stellungnahmen. Polemisch-propagandistische Töne dringen immer wieder an die Oberfläche. Um sich mit den orthodoxen und altorientalischen Kirchlichkeiten in Deutschland vertraut zu machen, ist der Band dennoch insbesondere für ein nicht akademisches Publikum unerlässlich. Unter diesem Aspekt ist Orthodoxie in Deutschland einer der besten Ansätze in deutscher Sprache.

[1] <https://www.amazon.de/Orthodoxie-Deutschland- Thomas-Bremer/product-reviews/3402131 749/ref=cm_cr_dp_d_show_all_btm?ie=UTF 8&re viewerType=all_reviews>, 20.7.2018.

 

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 1 (2019), Jg. 14 (68), Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 109–111.