Carmen Elisabeth Puchianu: Es ist keine Lehre so närrisch | Rezension

Carmen Elisabeth Puchianu (Hg.): »Es ist keine Lehre so närrisch oder schändlich, die nicht auch Schüler und Zuhörer finde.« Luthers Reformation und deren Wirkung auf Kultur, Literatur und Sprache im deutschsprachigen Raum Mittel- und Südosteuropas. (Reihe Academica, Kronstädter Beiträge zur germanistischen Forschung, Bd. 18.) Kronstadt: Aldus Verlag 2018. 283 S. 11 Abbildungen.

Von Cornelia Eșianu

​Es ist begrüßenswert, dass die Kronstädter Germanistik 2017 ihre 20. Tagung der vielseitigen Persönlichkeit Luthers widmete, spielte doch der deutsche Gelehrte und Reformator im Rahmen der Ausbreitung seines Reformdenkens durch Johannes Honterus (1498–1549), der in Kronstadt (rum. Braşov, ung. Brassó) eine der ersten Buchdruckereien im heutigen Rumänien errichtete und durch das neue Medium eine Vielzahl von Lesern erreichte, eine nicht zu verkennende Rolle für diesen Teil Osteuropas. Inwiefern ist heute jedoch eine Auseinandersetzung mit Luther und der Reformation noch relevant? Wurde man in Siebenbürgen lutherisch als Akt der Solidarität mit dem Ursprungsland? Ist hier letzten Endes das Protestantische als Marke einer Nation gewählt worden? Die Aufsätze, die der von Prof. Dr. Carmen Elisabeth Puchianu 2018 herausgegebene Band versammelt, schlagen literatur-, kultur- und sprachwissenschaftliche Sichtweisen auf die insbesondere durch den Humanisten Johannes Honterus eingeläutete siebenbürgische Reformation vor.

Peter Kleins Interesse gilt in seinem zu Beginn des Bandes veröffentlichten Beitrag der Analyse des 37. Psalms der Bibel als Folie für die Antwort auf die Frage, warum es die Bösewichter besser als die Gerechten haben, wobei diese Frage sich nicht nur auf Luthers Antwort für seine Zeit bezieht, sondern den Bogen weiter spannt und deren Aktualität »auch für die Menschen in Rumänien im 21. Jahrhundert n. Chr.« (S. 9) erörtert. So schreibt Peter Klein im Sinne von Luthers »Sola«-Theologie: »Gemäß Psalm 37 wäre die Aufgabe eines Gerechten im Blick auf den Umgang mit Reichen und Mächtigen heute folgende: Der Gerechte legt sein ganzes Vertrauen auf Gott und wälzt alles, was ihm zu schwer ist, auf ihn ab (V. 5). Er ist genügsam (V. 16) und demütig, aufrecht und ehrlich (V. 6) und handelt moralisch wie gesellschaftlich korrekt (V. 31). Er verzichtet auf Rache und Vergeltung und bleibt den Reichen gegenüber neidlos eingestellt (V. 1)« (S. 23). Leichter gesagt als getan!

Ebenfalls einem Psalm (Nr. 130), in der lateinischen Tradition als De profundis bekannt, widmet sich der zweite Beitrag aus der Feder von Ioana Crăciun. Sie vergleicht die Übersetzungen von Martin Luther (1524) und Michael Vehe (1537), einem unerbittlichen Gegner der Luther’schen Lehre, um zu zeigen, »wie im Zeitalter der Reformation katholische Gesangbücher die Wirkung der evangelischen Gesangbücher zu konterkarieren bestrebt waren« (S. 29) und somit auch eine solche Art der Opposition den Weg in die Gegenreformation unterstützt haben könnte.

Markus Fischer nimmt sich der Luther- Gedichte von Hans Sachs, Friedrich Gottlieb Klopstock, Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller bis zu Autoren der Gegenwart an und analysiert »Gestalt, Leben und Lehre Martin Luthers in der deutschen Lyrik« (S. 41).

Doch auch in die Gattung Tragödie ist der Luther-Mythos eingegangen, wie Stefan Lindinger überzeugend zeigt, z. B. in dem vom Romantiker Zacharias Werner verfassten Drama Martin Luther oder die Weihe der Kraft (1806/07), das literarische Reverberationen in Fontanes Erzählung Schach von Wuthenow (1883) anregte.

Dass »Martin Luther auch eine gewisse Vorstellung vom Islam beziehungsweise dem Propheten Muhammad und dem Koran hatte« (S. 79), erfahren wir aus dem Beitrag von Yüksel Gürsoy, der Luthers drei Schriften Vom Kriege wider die Türken (1528), Heerpredigt wider den Türken (1530) und Vermahnung wider die Türken (1541), die vor dem Hintergrund der osmanischen Bedrohung entstanden, einer näheren Betrachtung unterzieht. Interessant ist dabei, dass Luther die Idee eines Kreuzzuges prinzipiell ablehnte und wiederholt mahnte, keinen Glaubenskrieg gegen die Türken zu führen.

Sunhild Galter wirft einen Blick auf Katharina von Bora, die Frau an der Seite des Reformators, und analysiert die kulturgeschichtliche Sichtweise Christine Brückners auf »die Lutherin« (S. 89) in ihrer Beziehung zu ihrem Mann. Dabei hebt sie hervor, dass, selbst wenn Katharina – einsam und unverstanden – als »starke Frau« bezeichnet werden kann, sie für den eigenen Mann »doch nicht als gleichwertige Partnerin« (S. 97) gegolten habe.

Zur lutherischen Reformation und Gegenreformation in Siebenbürgen äußert sich Gudrun-Liane Ittu, indem sie das Verhältnis beider Strömungen zur Kunst anhand ausgesuchter Gemälde reflektiert, einige Beispiele so genannter protestantischer Transformation von katholischem Bildmaterial präsentiert und schlussfolgernd festhält, dass die »nachreformatorische protestantische Kunst […] nie wieder das hohe Niveau der vorreformatorischen erreicht« (S. 107) habe.

Über die performative Symbiose von Kirche und Theater in Form von evangelischen Krippen-, Passions- und Auferstehungsspielen diskutiert Carmen Elisabeth Puchianu – nicht zuletzt in ihrer Rolle als Spielleiterin des Laienensembles Interludium, das auf »ganz spontane Weise, den eigenen Fähigkeiten und dem eigenen Verständnis entsprechend« (S. 115) spielt und gemäß seiner performativen Lesart auch das Publikum in das Geschehen, z. B. die Kreuzigungsszene, einbezieht. Es ist der Versuch, so Puchianu, Luthers Dichotomie des Christenmenschen (gleichzeitig Geist und Natur zu sein) darstellerisch festzuhalten und glaubensgeschichtlich – als »ein demokratisches, freies Glaubensverständnis mit hohem emanzipatorischem Potenzial« (S. 120) – zu demonstrieren.

Roxana Nubert, Delia Cotârlea und Maria Sass stellen in den Mittelpunkt ihrer wissenschaftlichen Überlegungen die Persönlichkeit des siebenbürgischen Reformators Johannes Honterus und die Stadt Kronstadt als Zentrum der Reformation in Siebenbürgen. Nubert argumentiert, dass Honterus, der wichtigste Vertreter der siebenbürgisch-sächsischen Renaissance, auch als Reformator Humanist geblieben sei. Dabei stellt sie Honterus als Universalgelehrten dar: Er war Geograf, Astronom, Sprach- und Naturwissenschaftler, Schriftsteller, Rechtsgelehrter, Schulmann, Pfarrer und Ratsherr. Er konnte Griechisch und Latein, verfasste mehrere Grammatiken und pflegte persönliche Kontakte zu Humanisten wie Johannes Aventinus und Philipp Melanchthon. Von ihm stammen eine in Versen verfasste Weltbeschreibung und auch die älteste kartografische Darstellung Siebenbürgens. Ein weiteres Argument für ihre These liefert der Autorin die Tatsache, dass Honterus’ Reformationsbüchlein von 1543, das Luther »sehr wohl gefallen [hat], wie es so weislich, rein und treulich geschrieben ist« (Luther in seinem Antwortbrief an Matthias Ramser, S. 133), auch einen wichtigen Beitrag zur siebenbürgisch-sächsischen Schulgeschichte enthält. So heben der von ihm anvisierte Mädchenunterricht sowie die Versorgung der Armen und Waisen die Bedeutung der Reformation auch auf sozialer Ebene hervor.

Auf fiktionaler Ebene setzten sich mit der Figur Johannes Honterus am Ende des 19. Jahrhunderts Traugott Teutsch und im 20. Jahrhundert Egon Hajek auseinander. Delia Cotârlea und Maria Sass zeigen in ihren ausführlichen Analysen, wie sich Geschichtsschreibung und Literatur in einem Drama bzw. in einem Roman, wenn auch ästhetisch nicht hochqualitativ, zu praktischen Zwecken – etwa für Gedenkfeiern zum Geburtstag der Reformatoren oder die Förderung und Kultivierung von Solidarität in der Gemeinschaft – miteinander verbinden können.

Dass »Menschen die Realität durch bestimmte Filter sehen« (S. 137), wie Cristina Mihail in ihrem Beitrag über »Luther-Rezeption und Lutherjubiläen« erörtert, dokumentiert auch Wilhelm Schäfers Drama Jakob und Essau, 1896 geschrieben, mit dessen Ressentiments und Klischees sich Delia Eşian in ihrer Analyse beschäftigt und dabei einen Seitenblick auf den – jener Zeit gemäß – an den Teufel glaubenden Luther und sein widersprüchliches Verhältnis zum Judentum wirft.

Als durchaus lesenswert, weil bereichernd, wenn auch nicht direkt auf die Thematik des Bandes bezogen, erweisen sich die Texte von Kinga Gáll zur Tiermetaphorik in der Bibel, dem Fundament der christlichen Lehre, die allerdings, so die Autorin, eine »bewusste und vor allem […] organisierte Auseinandersetzung mit dem Wohl der Tiere« (S. 183) nicht kennt, und von Claudia Spiridon über die Zensur rumäniendeutscher Belletristik zur Zeit Ceaușescus.

Der kultur- und literaturwissenschaftlichen Sektion folgt eine sprachwissenschaftliche und didaktische mit Beiträgen von Lucia Nistor über Luthers Sprachsensibilität und die daraus resultierenden sprachpolitischen Implikationen, veranschaulicht nicht zuletzt an der Umgangsweise Luthers mit seinem eigenen Namen; von Sigrid Haldenwang, die ihre Studie den Wechselbezügen von Konfession und Sprache im siebenbürgischen Sachsenland widmet; von Mihaela Parpalea zum Übersetzen sowie von Evemarie Draganovici und Andreea Rusen zum DaF-Unterricht in Rumänien. Eine finale Durchsicht auf Tipp- und andere Fehler wäre gut gewesen. Diese beeinträchtigen aber nicht die Qualität und Bedeutung des Bandes für ein vertieftes Kennenlernen der Kultur der Reformation gestern wie heute in diesem Teil Europas.

 

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 1 (2019), Jg. 14 (68), Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 115–118.

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