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Dana Grigorcea: Die nicht sterben | Rezension

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Ein außergewöhnlicher Roman

Dana Grigorcea: Die nicht sterben. München: Penguin Verlag 2021. 272 S.

Von Jan Cornelius

Ende der 1970er-Jahre, als ich aus Rumänien floh, war ich im Westen immer wieder überrascht von einer Frage: „Ach so, Sie kommen aus Rumänien! Dann kennen Sie doch bestimmt den Grafen Dracula, oder?“ So musste ich feststellen, dass nebst dem grauenvoll-realen Ceauşescu der grausam-fiktive Dracula der berühmteste Rumäne im Ausland war, und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Nun greift die aus Bukarest stammende und seit langem in der Schweiz lebende Dana Grigorcea die Figur Draculas auf und schreibt einen großartigen Roman darüber, der eine ganze Menge und andererseits nur relativ wenig mit der Schauerromantik aus Bram Stokers Roman Dracula aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert zu tun hat.

Die Ich-Erzählerin des Romans, eine junge, in Paris lebende Malerin, kehrt zum Ort B. zurück, in eine ländliche Gegend am Fuße der Karpaten, südlich von Transsilvanien, wo sie als Kind wunderbare Sommerferien verbrachte bei ihrer großbürgerlichen Großtante Margot, die sie Mamargot nennt und die immer noch dort lebt.

Jedes Jahr im Sommer zog Margot samt Suite aus Bukarest nach B. in die Villa Aurora, die ehemals ihr gehörte, und ersetzte für die Dauer ihres Aufenthalts den ganzen sich dort befindenden kommunistischen Kitsch durch stillvolle Möbel, kostbare Teppiche und erhabene Kunstwerke. So lebte man dort amüsiert, scherzend und musizierend, fern des verhassten Kommunismus, wie im Paradies, in einer gediegenen Welt der Kunst, wo nur die Ästhetik und das Schöne zählten. Denn das Leben imitiert die Kunst, wie schon Oscar Wilde erkannte, und nicht umgekehrt. Wie aus einem Wunderhorn zaubert die Erzählerin paradiesische Farben, Düfte und Klänge, ihre dem Bildungsbürgertum entsprungenen Figuren vollziehen immerfort mit Pathos künstlerische Rituale in ihrem Alltag und schwelgen in Nostalgie und Sehnsüchten, die auf wunderbare Weise an Tschechows Theater-Figuren aus dem Kirschgarten erinnern.

„Und dann saßen wir um den großen Tisch, auf Stühlen und Hockern, müde, aneinandergelehnt und wie erstarrt in unseren Gedanken – ein Bild in Chiaroscuro. Unwillkürlich kommt mir nun, da ich dies erinnere, Rembrandts Gemälde Die Anatomie des Dr. Tulp in den Sinn: eine für das anatomische Theater feierlich gekleidete Gesellschaft, die Blicke nachdenklich in alle Richtungen schweifend, auf dem Tisch aber, statt der obduzierten Leiche, ein Haufen Kekse, mehrheitlich Löffelbiskuits, die ich so mochte.“ (S. 12).

Diese paradiesische Gegenwartsinsel ist wiederum die künstliche Herstellung einer beglückenden Vergangenheit vor dem Kommunismus. Wie bei den ineinander verschachtelten russischen Puppen verbirgt hier die Gegenwart die Vergangenheit, die wiederum eine weitere Vergangenheit verbirgt, wobei, wie die Erzählerin betont, die Reihenfolge keine große Rolle spielt, denn: „[…] jegliche Reihenfolge [ergibt] einen Sinn, da es nicht um Ursache und Wirkung geht, sondern nur um eines: Schicksal“ (S. 59). Und so setzt sich dieses Buch wie ein Puzzle zusammen, in dem nicht nur Traum und Wirklichkeit sowie Realität und Fantasie ineinander übergehen, sondern auch das Heute und das Gestern.

Mitten in der idyllischen Anfangsatmosphäre überschlagen sich plötzlich die Ereignisse: Bei einer Bestattung in der Familienkrypta wird nicht nur eine gepfählte Leiche entdeckt, sondern auch das Grab des rumänischen Fürsten Vlad des Pfählers, auch Fürst Dracula genannt, aus dem 15. Jahrhundert. Später geht es um einen Vampirbiss und eine Liebesnacht mit einem Vampir und um eine Ich-Erzählerin, die selbst zur Vampirin wurde. Nicht zuletzt geht es auch um die wahre Geschichte Vlad des Pfählers, der auf unvorstellbar grausame Art für Ordnung sorgte, und um die Gegenwart Rumäniens. Der Roman handelt von Lüge und Korruption, von der verlogenen Gegenwartspolitik und der allgemeinen Sehnsucht nach einer starken Hand.

Bezeichnend ist das groteske metaphorische Bild Rumäniens, das bei einem Volksfest zu Ehren Vlad Draculas entsteht und einen an Francisco de Goyas grotesk-karnevaleske Gestalten aus den Caprichos denken lässt: „[…] das Bild von Draculas Ankunft in B. drängte sich mit Macht auf: In festlichem Rot-Gelb-Blau, den rumänischen Nationalfarben, mit dem angewehten Grün der Karpaten, hier und da mit weißen Farbstößen, zeigte sich auf dem abfallenden Weg eine Menschenmenge von Maskierten und Unmaskierten. Beamte und Fromme, […] Männer in Anzügen, die drei Österreicher mit ihren Gewehren, alte Frauen unter Kopftüchern, verschrumpelte Herren, die gerne vor Kameras mit ihren schwieligen Händen gestikulierten, adrette junge Männer mit übertrieben sorgfältig rasierten Bärten, die ihrerseits mit den Handys filmten, junge Frauen mit rotem Schmollmund, die Selfies machten mit den Fahnen im Hintergrund, dazwischen ein alter Bauer, der just zur Nachrichtenstunde mit einem rostigen Spaten vor den versammelten Kameras der Weltpresse vorbeistolzieren musste, auch ein hochgereckter Ziegenkopf aus Holz auf einem langen Stab war zu sehen, mit farbigen Schleifen und Bommeln versehen von den Tänzern mit der Ziege.“ (S. 124f.).

Elemente des Schauerromans, des magischen Realismus und der Satire gehen ineinander über, und es wurde zurecht von der allgemein schwer begeisterten Literaturkritik auf eine neue, von Grigorcea erschaffene Erzählform hingewiesen: den gesellschaftskritischen Schauerroman.

Mit großer Erzähllust und sprachgewaltig, mit einer außergewöhnlich poetischen Kraft und zuweilen sarkastischem Witz schrieb Grigorcea einen fabelhaften Roman über Gestern und Heute, den man aber auch als Warnung zu verstehen vermag, zumal sich die Sehnsucht nach der starken Hand nicht bloß in Rumänien, sondern vielerorts auf der Welt wieder bemerkbar macht.

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 2 (2021), Jg. 16, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 237–238.

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