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Daniel Mellem: Die Erfindung des Countdowns | Rezension

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Der Mann im Mond
Daniel Mellem: Die Erfindung des Countdowns. Roman. München: dtv 2020. 288 S.

Von Birgit Fernengel

Der Countdown läuft: „Zehn, neun, acht, sieben …“. Die Spannung steigt, das Spaceshuttle steigt mit viel Getöse und von großen Rauchwolken begleitet in den Himmel. Dieses Rückwärtszählen soll – so die Legende – nicht in Cape Canaveral, sondern vor fast hundert Jahren an einem Filmset der UFA in Berlin erfunden worden sein.

Das jedenfalls erzählt uns Daniel Mellem in seinem im Herbst 2020 erschienenen biografischen Roman, in dem er das Leben und Werk Hermann Oberths, des aus Siebenbürgen stammenden Pioniers der Weltraumforschung, literarisch verarbeitet.

Daniel Mellem, promovierter Physiker und Absolvent des Deutschen Literaturinstitutes Leipzig, hatte nach eigenen Angaben während seines Studiums der Physik noch nie etwas von Oberth gehört. Durch Zufall stolperte er über ihn und war sofort fasziniert von diesem so viele Widersprüche in sich vereinenden Wissenschaftler: „Ein Utopist, der die Erfüllung seiner eigenen Utopie erleben durfte.“ Mellem entschied sich, einen Roman zu schreiben, weil „Literatur die Möglichkeit gibt, so ein Leben erlebbar machen zu können“.[1]

Den Roman legt er wie einen Countdown an und zählt die Kapitel mit zehn beginnend runter. Er hält sich dabei recht genau an die biografischen Daten und die verbürgten Anekdoten aus Oberths Leben: Er beginnt im beschaulichen Schäßburg (rum. Sighișoara, ung. Segesvár) seiner Kindheit und schließt mit dem Start der ersten bemannten Rakete zum Mond.

Durch die Fiktionalisierung der Biografie wird die Dramatik der einzelnen Szenen erhöht, und die eingehende Schilderung des Ehe- und Familienlebens füllt einige Leerstellen der offiziellen Biografien.

Hermann Oberth (geboren 1894 in Hermannstadt, rum. Sibiu, ung. Nagyszeben, und in den letzten Tagen des Jahres 1989 in der fränkischen Kleinstadt Feucht gestorben) hat fast ein ganzes Jahrhundert erlebt. Die Umbrüche seines Lebens können als exemplarisch für das vergangene 20. Jahrhundert gelten. Er wächst in Schäßburg auf, spielt am Ufer der Kokel (dt. Große Kokel, rum. Târnava Mare, ung. Nagy-Küküllő) und besucht die altehrwürdige Bergschule. Sein Weg in der als eng geschilderten siebenbürgischen Provinz scheint vorgezeichnet zu sein, er soll Arzt werden, wie sein Vater auch, der das örtliche Krankenhaus leitet. Er ist naturwissenschaftlich hochbegabt, ein genialer Kopf, gilt aber schon früh als eher ungeschickt im Umgang mit seinen Mitmenschen, versponnen, weltfremd und eigenbrötlerisch.

Von den Büchern Jules Vernes beeindruckt, glaubt er, dass eine Reise zum Mond möglich sein müsste, und beschäftigt sich schon während seiner Schulzeit intensiv mit Berechnungen und Konstruktionen für eine Rakete. Er setzt sich gegen den Willen des Vaters durch und studiert Physik, erst in Klausenburg (rum. Cluj, ung. Kolozsvár), später in Göttingen und Heidelberg, wo die namhaften Größen seiner Zeit lehren. Oberths Dissertation Die Rakete zu den Planetenräumen wird dennoch nicht angenommen, da die zuständigen Mathematik- und Physikprofessoren sie entweder nicht verstehen oder sich nicht zuständig fühlen. Sie kann in keiner ihrer Fachrichtungen eingeordnet werden, und das Studienfach der Luft- und Raumfahrttechnik gibt es zu Beginn der 1920er-Jahre nicht.

Der Oldenbourg Verlag in München erklärt sich 1923 als einziger wissenschaftlicher Verlag bereit, die Dissertation Oberths zu drucken, allerdings muss er die Druckkosten selbst tragen. Das schmale Bändchen Die Rakete zu den Planetenräumen wird wider Erwarten ein großer Erfolg, in zwei weiteren, erweiterten Auflagen gedruckt und bringt ihm in Fachkreisen dann doch eine gewisse Anerkennung. So wird auch der berühmte Regisseur Fritz Lang auf Oberth aufmerksam und engagiert ihn als wissenschaftlichen Berater für seinen (letzten) Stummfilm Die Frau im Mond. Für die Szene, in der die Rakete zum Mond startet, braucht der Regisseur etwas mehr Dramatik und nimmt den Vorschlag von Oberth begeistert auf, statt vorwärts doch besser rückwärts zu zählen: Der „Countdown“ ist geboren.

Oberth wird von der UFA beauftragt, eine kleine unbemannte Rakete zu bauen, die erste „Flüssigkeitsrakete“, die bei der Premiere des Films werbewirksam gezündet werden soll. Die Zeit dafür ist aber mit drei Monaten viel zu kurz bemessen und Oberth wird, obwohl er zwei Assistenten beschäftig, nicht rechtzeitig fertig. Finanziell angeschlagen und reichlich desillusioniert, kehrt er nach Siebenbürgen zurück, um weiter als Lehrer zu unterrichten. Einer der Assistenten ist der Student Wernher von Braun, der wie sein Lehrer Oberth für die Idee der Raumfahrt brennt. In den folgenden Jahren, im Zuge der militärischen Aufrüstung des Dritten Reiches, macht von Braun Karriere und wird eine der Schlüsselfiguren in Peenemünde beim Bau der V2-Rakete. Wernher von Braun ist es dann, der Oberth 1942 schließlich nach Peenemünde holt. Dort fühlt sich Oberth, ähnlich wie auf seinen vorherigen Stationen, aufs Abstellgleis gestellt. Die V2 ist in seinen Augen eine überdimensionierte Waffe voller technischer Fehler, auch wenn etliche seiner Erfindungen mit aufgenommen wurden. Hätte man die Rakete so gebaut, wie er es noch in den 1930er-Jahren vorgeschlagen hatte, wäre allein schon wegen ihrer abschreckenden Wirkung ein Weltkrieg zu vermeiden gewesen. An dieser Überzeugung hielt Oberth auch noch Jahrzehnte später fest.

In den Wirren der letzten Kriegsmonate werden Wernher von Braun und knapp zweihundert weitere Mitarbeiter aus Peenemünde von den Amerikanern gefangen genommen. Ihr technisches Wissen wird als so wertvoll erachtet, dass sie wenig später in den Vereinigten Staaten an den militärischen und zivilen Raketenprogrammen fast nahtlos weiterarbeiten können. Oberth dagegen verschweigt den ihn überprüfenden Amerikanern im entscheidenden Moment seine Kenntnisse und lässt ganz bewusst diese Chance aus.

Wieder ist es Wernher von Braun, der ihn 1955 doch noch in die USA holen kann, in die „Rocket City“ nach Huntsville, wo die künftigen Apollo-Programme entwickelt werden. Hier kann er dank seines Mentors einige Jahre lang frei forschen und experimentieren. Der Wettstreit der beiden Supermächte USA und Sowjetunion um die Vorherrschaft im Weltraum während des Kalten Krieges wird für beide Seiten zur Prestige-Angelegenheit. Die neu gegründete NASA erhält eine bis dahin unvorstellbare finanzielle und personelle Ausstattung. Wernher von Braun bringt es in den USA schon bald zu einer gewissen Berühmtheit und tritt in den Sendungen von Walt Disney auf, wo er sich als geschickter Marketingstratege in Sachen Raumfahrt erweist. Zeit seines Lebens wird Hermann Oberth im Schatten Wernher von Brauns stehen.

Im letzten Kapitel des Romans verfolgt Oberth den Start der ersten bemannten Rakete zum Mond als Ehrengast von der Zuschauertribüne in Cape Canaveral aus, zusammen mit seiner Ehefrau Tilla.

Oberths Theorien und Erfindungen – das Rückstoßprinzip, die mehrstufige Raketenzündung, die vielen mathematischen, physikalischen und technischen Berechnungen – werden so geschickt in den Text verwoben, dass man sich als Leser nie überfordert fühlt. Auch den historischen Hintergrund, die Situation der Siebenbürger Sachsen in Rumänien und später ihr Status als Auslandsdeutsche im Deutschland der Zwischenkriegszeit schildert Mellem ganz ohne didaktische Nebenklänge.

Der Autor geht geschickt auf die Problematik des vermeintlich naiven und unpolitischen Wissenschaftlers ein, dessen Rakete zum Mond zwar zur friedlichen Nutzung gedacht ist, der aber trotzdem den Machthabern im Dritten Reich seine Dienste anbietet und billigend in Kauf nimmt, dass die Rakete als Waffe eingesetzt werden kann. Im Roman sind es der älteste Sohn Oberths und seine Ehefrau Tilla, die moralische Bedenken äußern und die Verantwortung des Wissenschaftlers zur Diskussion stellen.

Daniel Mellem hat mit diesem Roman den Theoretiker und Tüftler Oberth aus der Versenkung geholt und damit einem breiteren und auch jüngeren Publikum bekannt gemacht. Streckenweise liest er sich wie ein Drehbuch zu einem spannenden Film mit stimmigen und atmosphärisch gelungenen Bildern. Damit kommt er dem heutigen Leser entgegen – was vielleicht auch zum bisherigen Erfolg des Buches beigetragen hat.

Da Mellems Roman bereits im Jahr 1969 endet, sei an dieser Stelle ein kurzer Nachtrag eingefügt: Wer in Rumänien aufgewachsen ist, für den ist Hermann Oberth eine bekannte Größe. Im Rückblick mag es zunächst erstaunlich wirken, dass Oberth Anfang der 1970er-Jahre als ein in der Bundesrepublik Deutschland lebender Wissenschaftler die Ehrendoktorwürde der Universität Klausenburg persönlich entgegennehmen durfte, dass eine Biografie über ihn in deutscher Sprache im Kriterion Verlag erscheinen konnte, wenig später auch in einer rumänischen Übersetzung, und er sogar Eingang in die Schulbücher fand – und das trotz seiner Mitarbeit in der Rüstungsindustrie des Dritten Reiches und später im US-amerikanischen Raumfahrtprogramm und ungeachtet seiner zeitweiligen Mitgliedschaft in der NPD in den 1960er-Jahren. Das politische Tauwetter, die Liberalisierung Rumäniens machten dieses Unmögliche möglich. Wahrscheinlich überwog der Wunsch, sich mit einer berühmten Persönlichkeit schmücken zu können: Die bahnbrechenden Erfindungen standen im Fokus der Aufmerksamkeit, alles andere wird nicht erwähnt.

Kaum anders verhält es sich mit der 1991 erschienenen umfangreichen Biografie, die von Oberth selbst und seiner Tochter autorisiert wurde. Der Biograf Hans Barth, Landsmann, Freund und offensichtlicher Bewunderer, würdigt ausführlich Oberths Beitrag zur Weltraumforschung, berichtet vom spät einsetzenden Ruhm in der Fachwelt und auch von dessen etwas abseitiger Beschäftigung mit UFOs und der Parapsychologie in seinen letzten Lebensjahren. Es gelingt ihm aber im Gegensatz zu Mellem nicht, sich kritisch mit Oberths politischen Verstrickungen auseinanderzusetzen.

 

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 1 (2021), Jg. 16, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 196–199.

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