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Eginald Schlattner: Gott weiß mich hier | Rezension

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Der Worterheller aus Rumänien
Eginald Schlattner: „Gott weiß mich hier“. Radu Carp im Gespräch mit Eginald Schlattner. Ludwigsburg: Pop Verlag 2020. 240 S.

Von Matthias Buth

Er weiß es nicht, und doch ist er schon lange benachbart mit der Sprachmagie, den bildgenauen Untergangs- und Verzweiflungsversen von Guiseppe Ungaretti. Eginald Schlattner schreibt immer, auch wenn er liest, sich selbst in den Begegnungen seines Lebens und zugleich in seinen Altarbüchern, der Bibel, die ihm Grammatik und Brunnen ist und – natürlich – wenn er aus und in seinen Romanen liest. Es sind Abschiedssequenzen, die erhalten und doch hinstreben zu dem, was sich hinter dem Wort „ewig“ verbirgt. Der große Dichter aus Italien erfasste es in dem Zweizeiler: „Zwischen einer gepflückten Blume und der geschenkten / Das unausdrückbare Nichts“.

Doch hinter diesem Nichts sieht der Dichter aus Siebenbürgen denjenigen, der es auflöst: Gott. Schlattner ist mit sich verbunden, so mit dem, den er im Innersten sucht, den er wohl wie die deutsche Mystik, wie Meister Eckhart, in sich selbst erhalten, ja, ihn sich selbst zur Welt bringen will. Schlattner sieht sich nicht als Pfarrer, der auch Romancier ist, er lebt in seiner eigenen Wortwelt, die von Gott kommt. Er blendet damit ein wenig den Nimbus des Heiligen ein, was rasch bizarr werden und ins Gefühlige abgleiten könnte.

Indes: Schlattner ist weise, europäisch gebildet und ein Spracherkunder im Weltmaßstab. Wer von Siebenbürgen spricht, wer am Untergang der 850 bis 900 Jahre der Deutschen dort verzweifelt und damit auch an den Elegien, die sich schon immer über Romania ergießen, über jene ferne Geliebte aus den Quartieren des Schwarzen Meeres, die sich auch in den Liebesversen von Ovid spiegelt, wird von der Sprache Schlattners aufgefangen. Schlattner wirkt wie die Stimmgabel für Tragik und Schönheit – von Siebenbürgen und von Rumänien. Dabei betont er, seiner Seele Seligkeit hänge nicht von den Büchern ab, er sei vielmehr Pfarrer, „als Erstes und Letztes und manchmal durch und durch“. (S. 212) Ihn verpflichtet der Imperativ: „Verlasse den Ort des Leidens nicht, sondern handele so, dass die Leiden den Ort verlassen.“ (S. 228). Ein Lebensprinzip des Geistlichen und des Autors gleichermaßen, auch wenn jenes der Bibel neutestamentarisch hindurchklingt. Schlattner ist insofern auch Franz Kafka nah, der erkannte: „Wenn auch keine Erlösung kommt, so will ich doch in jedem Augenblick meines Lebens ihrer würdig sein.“

Das umfangreiche Gespräch, das der Bukarester Politikwissenschafter Radu Carp mit dem Rothberger Verfasser der großen elegischen Romane Der geköpfte Hahn (1998), Rote Handschuhe (2000) und Das Klavier im Nebel (2005), die europaweit rezipiert wurden, hat großen Atem und wirkt wie ein Vermächtnis, wie die Confessio eines einsamen, auf sich selbst zurückgeworfenen Mannes, der konstatiert: „Meine Biographie ist atypisch für sächsisches Normverhalten. Ich selbst bilde für mich allein eine parallele Gesellschaft.“ (S. 102). Er sei geblieben und nicht wie Hunderttausende nach Öffnung der Grenzen 1990 nach Deutschland gegangen. Dem Dichter ist zwar die innere Heimat die Sprache, aber für den Seelsorger gibt es eine noch tiefere Dimension, nämlich Gott. Wenige deutsche Autoren gehen so souverän mit der Seelensprache der Bibel um, die Schlattner stets auch ökumenisch versteht. Zudem überrascht der Autor mit der Erklärung: „Der Beitrag Rumäniens zur Seele Europas ist die orthodoxe Spiritualität.“ (S. 156). Dieser Satz sollte ein Gespräch entfachen und darauf hinweisen, dass das christliche Menschenbild in weiten Teilen mit der Erklärung der Menschenrechte kompatibel sei. So seien nach seiner Überzeugung drei Viertel der Menschenrechtserklärung von 1776 aus der Bibel abgeschrieben. Da klingt spätromantisch das Fragment von Novalis Die Christenheit oder Europa aus dem Jahre 1826 an.

Und in der Tat ist es von Gewinn, die orthodoxe Gottvorstellung im Hinblick auf Plotins Neuplatonismus abzuhorchen, das transzendente Prinzip der Einheit, in dem die Vielheit aufgeht. Und das Eine ist Gott, die Idee des Guten.

Auch Schlattner geht es um die Vermittlung von religiösen und politischen Themen, die Verbindung mit dem Unendlichen und um die Kohärenz von Wissenschaft, Kunst und Religion, wobei er behauptet, ein orientalisches Christentum habe ein Jahrtausend lang den Kontinent geprägt. Dass es ein enormes biblisches Gepäck meditativer Tradition der Kirchenväter gebe, sei unbekannt. Die Herabminderung der orthodoxen Kirche auf zahlungspflichtigen diakonischen und geistlichen Service beunruhige ihn. Und wenn eine solche Besorgnis von einem evangelisch-lutherischen Pfarrer ausgesprochen wird, hat diese Sorge besonderes Gewicht, ist Schlattner doch bereits als Student der Orthodoxie nahegekommen, hat er sich auch vom über Stunden verlaufenden liturgischen Ritus ansprechen lassen und in einem Nonnenkloster die Spiritualität der Orthodoxie erfahren.

Von den 343.913 Rumäniendeutschen im Jahr 1948 sind bis 2011 nur noch 36.042 verblieben, also der totale Exodus. Aber dennoch gibt es Hoffnung, rumänisch temperiert: Denn in den immer noch erhaltenen deutschen Schulen in Städten wie Hermannstadt (rum. Sibiu, ung. Nagyszeben), Kronstadt (rum. Brașov, ung. Brassó), Mediasch (rum. Mediaș, ung. Medgyes) oder auch Bukarest (rum. București) würden evangelische Veranstaltungen wie Orgelwochen, Mediationsseminare, Jugendlager sowie Gottesdienste auch von Rumänen wahrgenommen, also nicht nur von Personen der geschrumpften deutschen Minderheit. Und alles in deutscher Sprache, die zu lernen für viele Gymnasiasten immer noch eine Selbstverständlichkeit ist. Und so kann manches weiterleben und sich neu verbinden, auch in den Religionen. Schlattner sieht so ein Weiterleben noch zwei, drei Generationen lang.

Wer auf die deutschsprachige literarische Landkarte Rumäniens blickt, spricht oft nur von Herta Müller, die durch den Nobelpreis (2009) kanonisiert ist, geradezu entschwunden in den Wolken des Unangreifbaren. Dass sie seitdem mit weiteren Preisen überschüttet wird, zeigt die Wirkung ihres in Rumänien wurzelnden Werkes. Schlattner ist literarisch ihr älterer Bruder. Es erstaunt, dass sie – mit so viel Wahrnehmung in Berliner Politik und in den Medien ausgestattet – noch nicht hat erkennen lassen, wie sie zu Eginald Schlattner steht. Der omnipräsente Denis Scheck attestiert ihm „Weltliteratur“. Aber wer erkennt in den Literaturakademien, welch großer deutscher Schriftsteller in Rumänien lebt, der ein exemplarisches Leben seit 1933 in der Nähe von Hermannstadt führt, der tief lotende persönliche Einsamkeit erfahren hat und sie zur Sprache bringen kann, der sich aus den Fängen der Securitate befreien konnte und um Vergebung bat, der das Verschwinden einer Epoche beschrieben und hautnah durchmessen hat, der die europäische Seele Rumäniens entschlüsselt hat, der aber in Deutschland kaum präsent ist und die Wertschätzung durch rangvolle Literaturpreise nicht bekommen hat?

Und auch Rumänien hat ihn nicht als einen eigenen, einen rumänischen Schriftsteller entdeckt, wenn auch – immerhin – die Universität von Klausenburg (rum. Cluj-Napoca, ung. Kolozsvár) ihn mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet hat. Es klingt kühn, aber vielleicht doch plausibel, wenn recht bald ein Eginald-Schlattner-Preis geschaffen wird, noch kann man den Pfarrer-Dichter fragen, der im deutschen Unglücksjahr 1933 geboren wurde, der mit Leben und Werk weit ins dritte Jahrtausend hineinwirkt. Ein solcher Preis, er könnte Rumänien und Deutschland verbinden und die poetischen Welten dieses Dichters und so ein Herzstück europäischer Geschichte weiterleben lassen.

Der Gesprächsband fesselt, hat etwas Archaisches und gibt eine Vorstellung vom europäischen Rumänien und von den besten Quartieren der deutschen Sprache. Diese überlebt. Schlattner weiß es. Und so allein ist er nicht: In den Romanen der jungen und nun schon sehr bekannten Iris Wolff (Die Unschärfe der Welt, 2020), die aus Hermannstadt kommt und nun in Freiburg lebt, wird das beglaubigt, was Schlattners Prosa in diesem Buch und auch in der Lebens-Chronik Wasserzeichen (2019) ausweist: umarmende Weichheit der Sprache, die genau und sinnlich Geschichte erfasst, elegisch zuweilen, aber tröstend. Uns und Gott.

 

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 1 (2021), Jg. 16, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 201–204.

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