Saša Stanišić: Herkunft | Rezension

PDF-Download

Saša Stanišić: Herkunft. München: Luchterhand Literaturverlag 2019. 565 S.

Von Dominik Zink

Mit Herkunft hat Saša Stanišić seine vierte Buchveröffentlichung vorgelegt. Dieser Roman, der den Deutschen Buchpreis 2019 erhalten hat, kann in vielerlei Hinsicht als eine Synthese im bisherigen Schaffen Stanišićs angesehen werden und ist – das sei vorweggenommen – uneingeschränkt zu empfehlen.

Sehr viel stärker noch als im viel beachteten Romandebüt Wie der Soldat das Grammophon repariert (2008) geht es um Autobiografisches, wobei Stanišić seine Erzählung mittels auto- und metafiktionaler Techniken montiert, die er in seinem zweiten Roman Vor dem Fest (2014) sowie in seinem Erzählband Fallensteller (2016) bereits erprobt hat. Herkunft ist deswegen einerseits Stanišićs persönlichster Roman, weil er seine eigene Familiengeschichte erzählt. Andererseits muss er auch als eine hochartifizielle Kunst-Prosa gesehen werden, da er diese vermeintliche Authentizität des faktischen, autobiografischen Erzählens immer wieder unterläuft. Gerade dieser Zwiespalt ist es, der diesen Text so interessant macht. Herkunft wird dadurch sowohl eine ernst gemeinte Auseinandersetzung Stanišićs mit seiner eigenen Herkunft als auch eine Reflexion über die sprachlichen Möglichkeiten, sich dem zu nähern, was Herkunft denn eigentlich sein soll oder kann.

Der Roman ist episodisch aufgebaut. Die einzelnen Episoden sind meist implizit oder explizit als Erinnerungen modelliert und als solche einem realistischen Erzählduktus verpflichtet. Dieser wird allerdings auch immer wieder gebrochen: Zum einen, indem der Erzähler-Autor – diese Kategorien verwischt der Text bewusst – seine Erinnerungen in Zweifel zieht und sich als unzuverlässiger Erzähler stilisiert, zum anderen, indem magische, mythische oder märchenhafte Elemente ironisch eingeflochten werden. Dies ist für Stanišićs Prosa genauso typisch wie der – wenn auch seltene – Wechsel vom Ich- zum Du-Erzähler und die wechselnde Fokalisierung, wenn sich der Autor-Erzähler in Familienangehörige hineinversetzt. Diese Techniken erzeugen eine sehr unterhaltsame, heiter-ironische Erzählhaltung, die die behandelten Figuren und Gegenstände dennoch uneingeschränkt ernst nimmt. Findet sich eine solche Erzählhaltung bereits in Stanišićs früheren Texten, so besteht die Neuerung darin, dass die poetologischen Stellen, die die Fiktionalität verdeutlichen, mit Kommentaren konterkariert werden, die die faktuale Dimension als Gegengewicht stark machen. So setzt der Erzähler-Autor Stanišić Indices über die Niederschrift, die die Form „Heute ist der X. Y. 2018“ haben, was suggeriert, dass der Text an diesem Tag entstanden sei. Einerseits wird dadurch Stanišić als außerdiegetische Person präsent, andererseits zersplittert diese Technik das Phantasma vom einheitlichen Erzähler oder Autor, weil deutlich wird, dass dieser zu verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Stimmungen und mit einem sich verändernden Wissen spricht.

Der Roman erzählt in den lose miteinander verknüpften Kleinkapiteln das Leben Saša Stanišićs, der als Kind einer bosnischen, säkular-muslimischen Mutter und eines serbischen Vaters 1992 aus Višegrad fliehen musste und in einem migrantisch geprägten Viertel in Heidelberg seine Jugend verbracht hat, bevor er zum Studium in die Altstadt und später nach Hamburg gezogen ist. Dieser Erzählstrang, der in lockerer Chronologie wiedergegeben wird, wird immer wieder unterbrochen durch Rückblenden in die Familiengeschichte. Das Leben der Eltern sowie aller vier Großeltern wird geschildert, wobei die Großmutter väterlicherseits, Kristina, mit Abstand die wichtigste Rolle einnimmt. Zusammen mit ihr unternimmt der Erzähler-Autor 2009 eine Reise in das kleine Dorf Oskoruša, aus dem der verstorbene Mann Kristinas, Petar Stanišić, stammt. Der Friedhof dieses Dorfes, auf dem die überwältigende Mehrheit der Grabsteine den Namen Stanišić tragen, wird für den Erzähler-Autor zum besonderen Ort des Ursprungs. Einerseits ist ihm die Situation, die er dort erlebt, als „Herkunftskitsch“ sofort bewusst, andererseits ist die Reise nach Oskoruša der Katalysator für die Reflexion über Herkunft. Diesem ersten Besuch in Oskoruša folgt neun Jahre später ein zweiter, den Stanišić mit seinen Eltern unternimmt. Da vom ersten zu Beginn des Romans, vom zweiten gegen Ende erzählt wird, rahmen diese Besuche die ganze Handlung – zumal die Beschäftigung mit dem Themenkomplex Herkunft in Oskoruša in den Fokus rückt und so etwas wie einen Abschluss beim zweiten Besuch findet. Um diese Auseinandersetzung literarisch in Szene zu setzen, bedient sich Stanišić einer Vielzahl von Motiven, die er so montiert, dass sie auf den verschiedensten Ebenen in Dialog miteinander treten:

Über dem Grab seiner Urgroßeltern wächst ein Speierling, ein Baum, der auf Serbisch wie der Heimatort Oskoruša heißt. Die Wurzeln wachsen in das Grab, die Frucht kann süß und bitter zugleich sein und in der Krone windet sich eine Hornotter. Diese offensichtlich an die Genesis erinnernde Ähnlichkeit wird offen und ironisch vom Text benannt und bildet mit ihren vielfältigen Assoziationsmöglichketen (Gewalt, Vertreibung, Moral, Verführung, Religion und Macht sind nur einige) die Grundlage des Motivkomplexes. Die Hornotter, die auf Serbisch den Namen poskok trägt, erinnert den Erzähler-Autor unwillkürlich an eine Szene, in der der Vater eine solche Hornotter im Hühnerstall erschlagen hat. Stanišić wird in diese Erinnerung zurückgerissen, weil im Wort poskok das Wort skok (dt.: Sprung) steckt und das Wort poskok mit der Gefahr assoziiert wird, die Schlange könnte dem Vater an den Hals springen. Diese Szene ist einerseits selbst eine Ursprungsszene, weil sie die Vergegenwärtigung der väterlich-patriarchalen Gewalt ist, die eine Ordnung setzt und durch Gewalt einen Kreis definiert, in dem sie gilt; andererseits verweist sie auf mindestens zwei andere Ursprünge: zum einen auf die Legende von St. Georg, dem Drachentöter, zum anderen auf den Zerfall Jugoslawiens, der letztlich der Ursprung der Suche Stanišićs nach seiner Herkunft ist. Die Georgslegende hat an sich nichts mit Abstammung oder Herkunft zu tun. Da aber die Georgsfigur in Oskoruša besonders prominent ist, wobei Stanišić bemerkt, dass bei den Darstellungen, die er in den Wohnungen sieht, nie ganz klar wird, ob man sich eher mit dem Drachen oder eher mit dem Ritter identifiziert, steht sie für eine dynamische Unsicherheit, die Heimat betreffend. Zumal die Legende existiert, auf dem Vijarac, dem Berg, an dessen Fuß Oskoruša liegt, lebten Drachen. Mit dem Zerfall Jugoslawiens ist die Erinnerung an den schlangentötenden Vater verknüpft, weil diese Geschichte an einem der letzten Abende vor der Flucht passiert sein soll. So spiegelt sich in der vom Vater ausgeübten Gewalt wie in der Bedrohung durch die Schlange der Bürgerkrieg. Tatsächlich jedoch ist diese Szene überhaupt nur in der Erinnerung des Sohnes geschehen. Der Vater erzählt dem Sohn – der Leser darf vermuten – gegen Ende der Niederschrift des Romans, dass es so nicht gewesen sein könne, weil er eine Phobie vor Schlangen habe, da er auf dem Vijarac als Kind einmal beinahe in ein Hornotternnest gefallen wäre. Hier stellt der Text nun die ineinander verschlungenen Ursprungsmythen, zu denen übrigens sowohl die Legende von Siegfried und dem Tatzelwurm als auch die Lyrik Eichendorffs gehören, den Stanišić zeitweise mit der Schlange identifiziert, unter neue und andere Vorzeichen. An dieser Wendung lässt sich besonders gut das nicht einfach oppositionelle Verhältnis von fiktionalem und faktualem Erzählen deutlich machen: Denn selbstverständlich hat die Fiktion – auch und gerade als enttarnte – faktische Bedeutung; andersherum wird aber auch klar, dass die Geschichte von Vater und Schlange nicht deswegen wichtig war, weil sie faktisch passiert ist, sondern weil sie Teil einer mächtigen Fiktion war und ist.

Herkunft ist eine offene Fiktion, die manchmal auf Bedürfnisse der Gegenwart antworten kann, genauso wie sie im Falle von Stanišićs Mutter eine tödliche Zuschreibung sein kann, und manchmal – das stellt Stanišić gegen Ende fast lakonisch fest – überhaupt nicht wichtig ist. Entsprechend der Offenheit des Konzepts Herkunft gestaltet Stanišić auch den Roman überraschend offen. Im Stile eines Entscheidungsbuches, in dem der Leser je nach eigener Entscheidung an andere Stellen zum Weiterlesen verwiesen wird, ist der letzte Teil dieses Romans gestaltet, was dazu führt, dass Herkunft mindestens zehn Enden hat, zu denen verschiedenste Wege führen.

Obwohl diese Interpretation der Parallelisierung von Konzept und Romanform sicher ihre Berechtigung hat, scheint doch noch etwas anderes hinter dieser Technik zu stecken, worauf zum Schluss noch einmal eingegangen werden soll. Denn dieser unübersichtliche und in keiner akkuraten Erinnerung fassbare Teil dieses Romans kann und sollte auch als Darstellung der Welt einer Demenzkranken gesehen werden. Die für den Autor-Erzähler wichtigste Figur, die Großmutter Kristina, leidet und stirbt während der Niederschrift des Romans an dieser Krankheit. Die Gestaltung des Textes als Entscheidungsbuch muss auch als ein Versuch der Darstellung ihrer Welt und als liebevoller Abschied Stanišićs von seiner Großmutter gesehen werden, denn mit ihr erlebt man die Abenteuer des letzten Teils und mit einer der ihrigen ähnlichen Einschränkung rezipiert man ihn. Man ist sich nicht sicher, ob man an der richtigen Stelle ist, weil man ja auch an eine andere hätte blättern können, man verliert die Orientierung, man kann nicht zurückblättern, weil man nicht mehr weiß, wie man dahingekommen ist, wo man steht, und man wird unter Umständen wütend, weil sich die Welt gegen den gewohnten Zugriff sperrt.

Obwohl vielleicht nicht auf den ersten Blick ersichtlich, steht das Motiv der Demenz in einem eigentümlichen Zusammenhang mit dem Thema der Herkunft. Denn der Roman macht deutlich, dass die Frage nach der Herkunft einer Person letztlich die personale Identität dieses Menschen erfragen möchte, die auch von der Demenz bedroht wird. Er dekonstruiert einerseits die Vorstellung, eine solche personale Identität sei festschreibbar, erzählbar oder erfragbar. Andererseits weist er derlei Fragen nicht zurück, sondern erkennt an, dass man ihnen ausgesetzt ist. Was er jedoch zurückweist, ist die Idee, es könnte eine eindeutige Antwort geben. Stattdessen entwickelt er eine Form, die vor allem gekennzeichnet ist durch eine Vielzahl von Ursprüngen und eine Vielzahl von Enden.

 

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 1 (2020), Jg. 15, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 279–281.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.