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Rezension Philippe Sands: Rückkehr nach Lemberg

Lemberg und die Entstehung des Völkerstrafrechts

Philippe Sands: Rückkehr nach Lemberg. Frankfurt  am  Main:  S.  Fischer 2018. 591 S. 2 Karten. Zahlreiche Abbildungen. Von Maria Luft

Die Stadt Lemberg (ukr. L’viv, poln. Lwów, russ. Lvov) und ihre Geschichte (vor allem in der Zeit des Nationalsozialismus) faszinieren den internationalen Anwalt für Menschenrechte und Autor Philippe Sands[1] seit Jahren. Aus dieser intensiven Beschäftigung sind die hier vorliegende deutsche Übersetzung von Reinhild Böhnke von East West Street,[2] der Dokumentarfilm My Nazi Legacy[3] und das Projekt A Song of Good and Evil[4] hervorgegangen sowie in der Folge auch die erste englische Edition von Józef Wittlins Mój Lwów (im polnischen Original 1946 veröffentlicht) zusammen mit Philippe Sands’ My Lviv bei Pushkin Press 2016 unter dem Titel City of Lions.[5]

Den Anstoß zu einer außergewöhnlichen Spurensuche gab Philippe Sands eine Vortragseinladung nach Lemberg, dem heute ukrainischen L’viv. In dieser Stadt war Sands’ Großvater Leon Buchholz am 4. Mai 1904 geboren worden – als Sohn von Pinkas, einem Spirituosenfabrikanten und späteren Gastwirt, und Malke, geb. Flaschner, Tochter eines Getreidehändlers aus (poln.) Żółkiew (ukr. Žovka, russ. Žolkva), ca. 30 Kilometer nördlich von Lemberg gelegen. Diese Stadt wollte Philippe Sands im Herbst 2010 kennenlernen, wie er in Rückkehr nach Lemberg berichtet: »Die beiden Männer, die die Straftatbestände des Verbrechens gegen die Menschlichkeit und des Genozids in den Nürnberger Prozess einführten, Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin, waren in der Zeit, von der Wittlin schrieb, Einwohner der Stadt gewesen. […] War es nicht erstaunlich, dass ich bei der Vorbereitung meiner Reise nach Lwiw, wo ich über die Entstehung des Völkerstrafrechts sprechen sollte, erfuhr, dass die Stadt selbst eng mit dessen Entstehung verknüpft war? […] Ebenso bemerkenswert war, dass niemand, den ich im Lauf dieses ersten Besuchs an der Universität oder irgendwo in Lwiw traf, etwas über die Rolle der Stadt dabei wusste« (S. 29).

Was Sands zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht weiß, ist, dass sein Großvater der einzige Überlebende des Holocaust aus einer Familie von mehr als 70 Mitgliedern war und dass dieses Schicksal ihn mit den Biografien der beiden Juristen Hersch Lauterpacht (geboren im August 1897 in Żółkiew, lebte seit 1911 in Lemberg) und Raphael Lemkin (geboren 1900 in der Nähe von Białystok, seit 1921 Student in Lemberg) verbindet: Auch Lauterpacht und Lemkin verloren ihre Familien im Generalgouvernement[6] unter Hans Frank. Hitlers persönlicher Anwalt und Generalgouverneur des besetzten Polen kam im August 1942 zwei Tage nach Lemberg. In der Aula der Universität hielt Frank einen Vortrag, »in dem er die Vernichtung der jüdischen Einwohner ankündigte« (S. 29).[7]

In seinem Buch legt Sands die unterschiedlichen Lemberger Topografien zu den Biografien der Nazi-Täter, ihrer Opfer sowie der Juristen Lauterpacht und Lemkin im Kampf gegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und den Genozid übereinander. So stehen die Stadt Lemberg, ihre Gebäude und Plätze im Fokus. Neben Leon, Lauterpacht, Lemkin und Frank ist Lemberg die geheime fünfte »Hauptperson« des Buches.

Rückkehr nach Lemberg kann auch als Darstellung der Geschichte der Menschenrechte im 20. Jahrhundert aus der persönlichen Sicht der Protagonisten gelesen werden: Wie haben Lauterpacht und Lemkin die neuen Termini definiert? Wann und warum? Welche Ziele verfolgten sie und wie beeinflussten sie die Urteile bei den Nürnberger Prozessen (und wie nehmen sie auch auf heutige Menschenrechtsprozesse Einfluss)? Beide Juristen studierten in Lemberg, zum Teil bei denselben akademischen Lehrern (wenn auch zu verschiedenen Zeiten), wie Sands herausfindet. Dennoch kommen sie zu ganz unterschiedlichen Ansätzen und stellen das Individuum (Lauterpacht, 1943»Der einzelne Mensch […] ist die ultimative Einheit allen Gesetzes«, S. 99) bzw. die Zugehörigkeit zu einer Gruppe (Lemkin, 1944: »Angriffe auf nationale, religiöse und ethnische Gruppen sollten als internationale Verbrechen gelten«, S. 199) in den Mittelpunkt ihres Einsatzes für die Menschenrechte. Sands geht beiden Biografien nach – Lauterpachts erfolgreicher Juristenkarriere und seinem Einfluss in England wie Lemkins Scheitern in den USA (trotz der Veröffentlichung des Werkes Axis Rule in Occupied Europe 1944, in dem er zentrale NS-Erlasse zusammenstellt, analysiert und die »völlige Vernichtung« der Juden als Ziel der Nazis erkennt). Dass Sands Lauterpachts Konzeption zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit (wohl wegen der besonders schwierigen Beweisführung für das Verbrechen des Genozids) den Vorzug gibt, ist dennoch unverkennbar.[8] Beide Konzeptionen der Lemberger Juristen wurden erst 1946 in das Völkerrecht aufgenommen (Resolutionen 95 bzw. 96 der UN-Generalversammlung), der Internationale Strafgerichtshof konnte erst 2002 seine Arbeit in Den Haag beginnen. Doch noch 2010 teilt eine Studentin Sands nach seinem Vortrag mit, wie wichtig seine Vorlesung für sie persönlich gewesen sei – niemand »in der Stadt kenne Lauterpacht oder Lemkin oder mache sich etwas aus ihnen, sagte sie, weil sie Juden waren. Ihre Identität sei ihr Makel. […] Fragen der individuellen Identität und Gruppenzugehörigkeit waren in Lwiw heikel« (S. 31).

Sands beginnt seine Erkundung des Ortes mit den vielen Namen, die sich »wie die Zusammensetzung und Nationalität seiner Bewohner« änderten, »doch seine Gebäude blieben dieselben. Und das, obwohl die Stadt zwischen 1914 und 1945 nicht weniger als achtmal den Besitzer wechselte« (S. 15) . Einen Sommer lang vertieft Sands sich zur Vorbereitung seiner Reise in die Literatur über Lemberg, in »Bücher, Karten, Fotos, Wochenschauen, Gedichte, Lieder«, alles, was er über »die Stadt der ›verwischten Grenzen‹, wie Joseph Roth sie nannte, finden konnte« (S. 15). Er gewöhnt sich daran, mit drei Karten durch die Stadt zu laufen – einer modernen ukrainischen von 2010, einer alten polnischen von 1930 und einer österreichischen von 1911. Der beste Reiseführer durch das multikulturelle Lemberg der Kindheit seines Großvaters ist Mój Lwów, Józef Wittlins Hommage an die Stadt, in spanischer und deutscher Übersetzung (das Desiderat einer englischen Übersetzung wurde durch die bereits genannte Publikation von City of Lions erfüllt – inklusive einer Erweiterung um die von Sands ein halbes Jahrhundert später verfasste melancholische Sicht auf Lemberg und seine Verluste). Die Zwischenkriegsjahre in Lemberg, einer Stadt mitten in Europa, »waren die prägenden Jahre, in denen sich – beeinflusst vom Geschehen in der Stadt und in Galizien – die Vorstellungen davon herausbildeten, welche Rolle das Recht bei der Bekämpfung von massenhaften Gräueltaten spielen sollte« (S. 56).

Auf den Spuren seines Großvaters, der nie über Lemberg und das Schicksal seiner Familie gesprochen hatte (ebenso wie andere Protagonisten sich nicht erinnerten oder erinnern wollten), entdeckt Sands bei seiner Mutter Ruth in London Aktenmappen »mit Leons Fotos und Papieren, Zeitungsausschnitten, Telegrammen, Pässen, Ausweisen, Briefen, Notizen. […] Leon musste gewisse Dinge aus gutem Grund aufgehoben haben. Diese Erinnerungsstücke schienen geheime Informationen zu enthalten, verschlüsselt durch Sprache und Kontext« (S. 38).

Sands lässt die Leserinnen und Leser an der spannenden Entschlüsselung der Bedeutung all dieser Puzzleteile seiner Familiengeschichte bei Reisen um die halbe Welt teilhaben und bindet Persönliches in allgemeine (rechts-)historische Zusammenhänge ein. Das vorzüglich geschriebene Buch eröffnet neue Perspektiven auf Lemberg und ist mit historischen sowie persönlichen Dokumenten und Fotos illustriert. Interessant ist etwa ein »Blatt mit Lemkins Gekritzel, ca. 1945« (S. 254) aus dem Archiv der Columbia University: Es zeigt über 25 Mal das Wort »Genocide«, immer wieder durchgestrichen. Lemkin erfand diese Bezeichnung für das Verbrechen des Völkermords, erwog aber auch andere Bezeichnungen (wie »met-enocide«, S. 253f.).

Der Weg führt Sands auch nach Żółkiew[9] , wo Hersch Lauterpacht geboren wurde. Dessen Familie wohnte am östlichen Ende der Lembergerstraße. In derselben Straße an der westlichen Stadtgrenze lebte auch Leon Buchholz’ Familie. Diese Straße durchquert den Ort von Ost nach West – laut Joseph Roth ein charakteristisches Element im Grundriss einer galizischen Kleinstadt: »Typischerweise […] fing [die Stadt] einfach mit ›kleinen Hütten‹ an, dann kamen ein paar Häuser, die sich gewöhnlich um zwei Hauptstraßen gruppierten, die eine lief ›von Süden nach Norden, die andere von Osten nach Westen‹. […] Das beschreibt Żółkiew perfekt« (S. 49).

In diesem Städtchen hatte der polnische Adelige Stanisław Żółkiewski im 16. Jahrhundert ein Schloss erbauen lassen und der polnische König Jan III. Sobieski im 17. Jahrhundert residiert. Die jüdische Gemeinde bestand seit 1593 ihre Synagoge im Stil der Spätrenaissance beschädigten die deutschen Besatzer 1941 schwer. Nach zwei Deportationen wurden die verbleibenden Juden aus Żółkiew und Umgebung am 1. Dezember 1942 in einem Ghetto zusammengeführt, das am 25. März 1943 aufgelöst wurde. Seine Bewohner führte man ein letztes Mal über die »Ost-West-Straße« auf eine Lichtung im nahe gelegenen Wäldchen: »Hier waren die Teiche, zwei große Sandgruben, angefüllt mit dunklem Wasser, Schlamm und sich im Wind neigenden Schilf, ein Ort, der nur durch einen einzelnen weißen Stein gekennzeichnet war. Er war als Ausdruck der Trauer und des Bedauerns errichtet worden, nicht von der Stadt, sondern von Bürgern als privater Akt des Gedenkens. […] Tief unten, seit über einem halben Jahrhundert unberührt, lagen die sterblichen Überreste der 3.500 Menschen, von denen der längst vergessene Gerszon Taet im Sommer 1946 schrieb, jeder sei ein Individuum, doch zusammen seien sie eine Gruppe« (S. 504).

Nicht von ungefähr lautet der englische Originaltitel des Buches von Philippe Sands deshalb: EAST WEST STREET. On the Origins of GENOCIDE and CRIMES AGAINST HUMANITY.[10]

 

Zuerst erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 1 (2019), Jg. 14 (68), Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 231–234.

 

[1] Geb. 1960. Vgl. Publikationen wie Lawless World. New York 2005; From Nuremberg to The Hague. Cambridge 2003.

[2] EAST WEST STREET. On the Origins of GENOCIDE and CRIMES AGAINST HUMANITY. London: Weidenfeld & Nicolson 2016. 464 S. 2 Karten. Zahlreiche Abbildungen.

[3] My Nazi Legacy. What Our Fathers Did. Wildgaze Films Ltd., The British Film Institute 2015. 96 Min. Eindrucksvolle Dokumentation einer Reise nach Lemberg mit den Söhnen der NS-Repräsentanten Hans Frank und Otto von Wächter

[4] Szenische Lesung von Philippe Sands mit Musik, die die Geschichte von Hersch Lauterpacht, Raphael Lemkin und Hans Frank erzählt. Vgl. <https://www.youtube.com/watch?v=RPh_JnCqppk>, 10.6.2018.

[5] Englische Übersetzung von Wittlins Text: Antonia Lloyd-Jones. Vorwort von Eva Hoffmann.

[6] Galizien und Lemberg wurden am 1. August 1941 in das Generalgouvernement eingegliedert.

[7] Hans Franks Sohn Niklas verlas diese Rede 2014 am selben Ort auf der Reise mit Philippe Sands und Horst von Wächter (ebenda, S. 498f.), dem Sohn Otto von Wächters, um ihm die Rolle seines Vaters als Leiter des Distrikts Galizien und Gründer der SS-Division Galizien eindringlich klarzumachen. Zugleich ist dies eine der beeindruckendsten Szenen im Film My Nazi Legacy. Horst von Wächter ist bis heute von der Unschuld seines Vaters überzeugt.

[8] Vgl. auch: Philippe Sands: My legal hero. Hersch Lauterpacht. In: The Guardian, 10.11.2010 <https://www.theguardian.com/law/2010/nov/10/my-legal-hero-hersch-lauterpacht>, 10.6.2018.

[9] Vgl. auch die Seite <https://sztetl.org.pl/pl/miejscowosci/z/859-zolkiew>, 10.6.2018.

[10] Hervorhebungen im Original.

 

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