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Schämen für das Schämen

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Deutsche sind verklemmt, Kroaten protzen? – Auf der Suche nach einer Geschichte über deutsche Spuren in Rijeka (dt. veraltet Sankt Veit am Pflaum; it., ung. Fiume; sl. Reka) setzt Stadtschreiberin Alexandra Stahl bei sich selbst an – und denkt über ihre Herkunft nach. Ein Essay über Stereotype und Schildkröten.

Ich verschwinde gern im Ausland. In den vergangenen drei Jahren war ich in Österreich, Portugal, den USA, Kroatien, Irland und immer wieder in Italien. Und das sind nur die beruflichen Reisen. Ich verschwinde auch privat gerne im Ausland. Vor allem aber verschwinde ich im Ausland. Im Ausland spreche ich Englisch oder Italienisch, und wenn mich jemand fragt, woher ich komme, sage ich nie Germany, ich sage: Berlin! Berlin ist nicht Deutschland, Berlin ist etwas anderes, Berlin ist cool. Deutschland ist es nicht. Aus Deutschland zu kommen, ist irgendwie nichts, worauf ich stolz sein könnte, und das bezieht sich nicht nur auf den Nazi-Wahnsinn. Es ist das Deutsche an sich: die penible Genauigkeit, der skeptische Gesichtsausdruck, das ewige Nörgeln.Anders ausgedrückt: Wäre Deutschland ein Grundschüler, wer würde ihn freiwillig zu seiner Geburtstagsfeier einladen?

Der Tümpel mit den Schildkröten im Stadtteil Trsat (dt. veraltet Tersatt; lat. Tarsatica; it. Tersatto). (c) Alexandra Stahl

Der Tümpel mit den Schildkröten im Stadtteil Trsat (dt. veraltet Tersatt; lat. Tarsatica; it. Tersatto). (c) Alexandra Stahl

Als ich im Sommer in Rijeka ankomme, um die Stadt fünf Monate als Stadtschreiberin zu erkunden, bin ich mal wieder froh, mir selbst zu entkommen und mich der Geschichte und den Geschichten anderer zu widmen. Von der Habsburger Monarchie über den italienischen Faschismus ins sozialistische Jugoslawien bis ins heutige Kroatien – die Reportagen schreiben sich fast von selbst.

Und eine Geschichte mit Blick auf die Deutschen in Rijeka?

Die Jahrzehnte der Habsburger Herrschaft waren geprägt von den Österreichern und den Ungarn. Später haben die Nationalsozialisten Rijeka zwei Jahre lang besetzt, von 1943 bis 1945, aber will ich ausgerechnet darüber schreiben? Die Zeit zwischen dem Ende des Ersten und des Zweiten Weltkriegs erzähle ich stattdessen anhand des italienischen Erbes Rijekas, wo bis heute eine einflussreiche Minderheit lebt. Und die deutsche Minderheit? Der Großteil lebt im Osten Kroatiens, in Slawonien, also schreibe ich darüber. In Rijeka dagegen leben laut dem letzten Zensus gerade mal 45 Menschen deutscher Herkunft. Doch auch wenn es keine große Reportage über deutsche Spuren in Rijeka zu recherchieren gibt, begegnet mir das Deutsche am Ende doch häufiger als erwartet.

Es fängt im Kino an.

Während Möwen durch den Himmel segeln, zerteilt Jonas Dassler auf der Leinwand darunter eine Frauenleiche. Dassler spielt Fritz Honka, den Hamburger Serienmörder aus den 1970er-Jahren, plötzlich bin ich in Rijeka auf der Reeperbahn. Der Goldene Handschuh heißt der Film von Fatih Akin – wie die Kneipe, in die Honka ging. Das Art Kino Rijeka zeigt den Film Open Air mit kroatischen Untertiteln. Schlager und Nazi-Mief, verstümmelte Frauenkörper und Leichenfäulnis – Akins Streifen ist eindringlich, absurd und eklig, und ich frage mich, wie er auf die Kroaten wirkt. Einige lachen, manche gehen. Ich halte durch, aber der Film hängt mir nach, auf dem Nachhauseweg bin ich noch in St. Pauli, nicht auf dem Korzo, Rijekas Haupteinkaufsstraße.

Auch die filmische Neuinterpretation von Alfred Döblins Romanklassiker Berlin, Alexanderplatz zeigt das Programmkino. Jetzt stehe ich in der Hasenheide, dem Park zwischen den Berliner Stadtteilen Kreuzberg und Neukölln, vor dem ich jahrelang gewohnt habe und der hier Schauplatz einer Parallelwelt ist – die der Geflüchteten, die zu Drogendealern werden wie der Protagonist des Films. Er geht mehr als drei Stunden, auch er ist eindringlich, brutal und krass. Und ich merke auf einmal, dass ich stolz bin – ohne zu wissen, worauf genau. Das gleiche Gefühl habe ich bei Es gilt das gesprochene Wort, eine schwarzhumorige Tragikomödie über eine krebskranke Pilotin, die einen Türken heiratet, um ihm ein besseres Leben in Deutschland zu ermöglichen. Der Film besteht aus so pointierten Dialogen, dass mir die deutsche Miesepetrigkeit geradezu sympathisch ist, in jedem Fall lache ich laut – und die Kroaten mit mir im Kino auch. Auf der Leinwand gibt es keinen Grund, mich für Deutschland zu schämen.

Aber auf der Straße?

Deutschen Touristen weiche ich aus, und als ich einmal doch neben ihnen sitze, weiß ich wieder, wieso ich es sonst vermeide. Dobar dan, grüßt der Kellner, aber ein Mann antwortet Servus, als wäre er immer noch in Bayern. Die Bestellungen kommen ohne ein I would like to have … aus, nicht mal ein Bitte gibt es. Stattdessen Schießbefehle: Gin Tonic! Aperol Spritz! Gin Tonic!

Klar, eine ignorante Gruppe kann nicht für ein ganzes Land stehen. Trotzdem fühle ich mich in meiner vorauseilenden Fremdscham bestätigt. Und spreche den Kellner an. Ob es nicht schlimm sei, wenn Gäste nicht mal Dobar dan sagen könnten? Alle Touristen seien so, lacht er, die Deutschen seien nicht mal die Schlimmsten. Nein? Nein, die Italiener seien schlimmer, lacht er weiter. Und als ich ihn frage, ob er seinen eigenen Landsleuten auch immer ausweicht, wenn er selbst im Ausland ist, sieht er mich an, als hätte er meine Frage nicht verstanden. Bin das Problem ich?

Bald jedenfalls merke ich, dass das Deutsche, von dem ich geglaubt habe, es in Rijeka nicht zu finden, ich selbst bin.

Da ist der Mietwagenhändler, der auf Deutsch bis zehn zählt. Und dann von Automarken anfängt. Daimler, Audi, BMW: We call them holy trinity, sagt er ironisch. Da ist der Künstler, der findet, reiche Deutsche protzten nicht, im Gegensatz zu Kroaten, die Geld haben. Und da ist die Mitbewohnerin, die mehrmals sagt: Germans are so horrible! (Dasselbe sagt sie auch über Österreicher und Niederländer und Franzosen.) Einmal klingt es so, als wäre ich persönlich schuld, dass Slawen Probleme mit Kehllauten haben.

It hurts in the throat!, schreit sie.

I’m not proud to be a German, sage ich irgendwann hilflos.

Da ist aber nicht nur die Reaktion der anderen auf mich. Da ist auch mein eigener Blick auf die Dinge. Und ich ahne: Was mich an den Deutschen stört, steckt wohl auch in mir selbst. Nervt einen an anderen nicht immer das, was man von sich selbst kennt?

Bei den hoffnungslos veralteten Zügen, von denen die Menschen in Rijeka gerne behaupten, sie wurden seit den Zeiten Österreich-Ungarns nicht mehr ausgetauscht, denke ich daran, wie Deutsche schon mal einen Nervenzusammenbruch kriegen, wenn ein ICE verspätet ist (auch ich). Und beim Blick in mein E-Mail-Postfach, das sich oft nur füllt, wenn ich meine kroatischen Ansprechpartner zweimal anschreibe, manchmal aber auch gar nicht, finde ich plötzlich, dass Zuverlässigkeit gar nichts Schlechtes ist.

Wie war das noch? Penible Genauigkeit, skeptischer Gesichtsausdruck, ewiges Nörgeln. Habe ich mich nicht neulich bei irgendwem am Telefon beschwert, dass die Sonne in Rijeka zu oft scheint?

Anders ausgedrückt: Wäre ich eine Grundschülerin, wer würde mich freiwillig zu seiner Geburtstagsfeier einladen?

Ich beginne, über Stereotype nachzudenken.

Freunden schreibe ich: Alle hier rauchen. In den Cafés läuft keine Musik, die nach 1995 produziert wurde. Die Männer tragen ihre Haare wie beim Militär. Die Frauen sind entweder unfreundlich oder unkompliziert. Die Möwen sind alle verrückt!

Darf ich es mir so einfach machen? Natürlich nicht. (Außer das mit dem Rauchen und den Möwen nehme ich alles zurück.)

Aber warum sind Stereotype, Vorurteile und Klischees überhaupt in der Welt? Weil sie manchmal auch lustig sind? Weil sie die Welt scheinbar einfacher machen?

Ich fahre an Rijekas Universität. Mit Germanistik-Studenten will ich über ihr Bild von Deutschland sprechen. Es kommt das Erwartbare: Die Deutschen wollen, dass alles genau ist, sie sind pünktlich und ein bisschen verklemmt, und wenn man sie besucht, muss man die Schuhe ausziehen. Es kommt aber auch Überraschendes: Deutsche schämen sich weniger als andere, meint eine Studentin.

Wirklich? Aber ich schäme mich doch ständig!

Eine Dozentin lässt sich auf die Frage nach Unterschieden oder Gemeinsamkeiten zwischen Deutschen und Kroaten gar nicht erst ein: Stereotype seien einfach nur falsch.

Nicht nur falsch, auch absurd, wie mir immer klarer wird.

Als ich mit einer Deutschen spreche, die seit Jahren in Kroatien lebt und in Rijeka als Lehrerin arbeitet, beschwere ich mich darüber, dass die Deutschen sich immer beschweren.

Ihre Antwort: Wenn die Kroaten eins gut können, dann ist es, sich zu beschweren.

Sie erzählt von einem kroatischen Freund, der ausgewandert ist, weil er auf eine bessere Zukunft hofft, Geld, Gesundheitsversorgung, solche Dinge. Deutschland ist neben Irland das häufigste Auswanderungsziel der Kroaten.

Langsam fange ich an, mich für mein Schämen zu schämen.

Ich denke an drei junge Frauen, die ich in Rijeka getroffen habe. Die erste hat den Bildschirm ihres Laptops mit Tesafilm festgeklebt, damit er nicht umknickt. Die zweite hat seit ihrem Uniabschluss befristete Verträge, von deren Einkommen sie gerade so über die Runden kommt. Die dritte ist wieder bei ihrer Mutter eingezogen, seit sie sich von ihrem Freund getrennt hat, weil sie sich keine eigene Wohnung leisten kann.

Ich denke an meine Freunde zuhause. Die meisten haben Apple-Computer und unbefristete Arbeitsverträge. Zukunftssorgen kreisen um Hunderassen – ein Whippet oder ein italienischer Trüffelhund?

Demut ist ein großes Wort, zu pathetisch auch. Aber mir wird nun klar, dass es okay ist, aus Deutschland zu kommen. Und dass es fast frivol ist, sich dafür ständig zu schämen.

Und trotzdem.

Als mich gegen Ende meines Aufenthalts die Lokalzeitung nach meinem Lieblingsort in Rijeka fragt, kann ich doch wieder nicht davon lassen, einen Vergleich anzustellen.

Diesmal wenigstens nicht mit ganz Deutschland.

Nur mit Berlin.

Mein Lieblingsort in Rijeka ist ein Park im Stadtteil Trsat. Darin ein Tümpel mit schwimmenden Schildkröten. Immer wenn ich dort bin, denke ich, dass die Schildkröten in Berlin eine nach der anderen geklaut würden. Der Redakteur findet das lustig.

Am Ende darf man Stereotype eben nicht zu ernst nehmen – und sich selbst erst recht nicht.

 

Alexandra Stahl, 1986 geboren, lebt als Schriftstellerin und Journalistin in Berlin. Mit einem Stipendium des Deutschen Kulturforums östliches Europa war sie 2020 Stadtschreiberin in der Europäischen Kulturhauptstadt Rijeka. 2021 erscheint ihr erster Roman Männer ohne Möbel im Verlag Jung und Jung.

 

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 1 (2021), Jg. 16, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 157–160.

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