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Orsolya Kalász, Peter Holland: Dies wird die Hypnose des Jahrhunderts | Rezension

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Irrfahrten im Dschungel der Heimat

Orsolya Kalász, Peter Holland (Hgg.): Dies wird die Hypnose des Jahrhunderts. Ungarische Lyrik der Gegenwart. Berlin: KLAK Verlag 2019. 122 S.

Von Wilhelm Droste

Wer hofft, in diesem Band die poetische Stimme Ungarns aus Sicht der Generation der Zwanzig- bis Vierzigjährigen zu hören und so den vielfältigen Nöten und Ratlosigkeiten des Landes und der eigenen Existenz darin vielleicht etwas weniger hilflos ausgesetzt zu sein, der wird enttäuscht. All die Autoren dieses Bandes verweigern nahezu jeglichen Dienst gesellschaftlicher Anamnese oder gar prophetischer Orientierung, den ungarische Dichter wie Sándor Petofi bis János Pilinszky und György Petri, ja bis in unsere Tage hinein Dichter wie etwa Lajos Parti Nagy und István Kemény oder der gerade so tragisch früh verstorbene János Térey geleistet haben und leisten. Die hier präsentierte junge ungarische Lyrik verweigert geradezu wütend diese Dienstleistung. Auch das ist natürlich eine Stimme, vielleicht sogar eine kluge in Reaktion auf die verhängnisvolle Tragödie der älteren Generationen, in denen so viele selbst ernannte und falsche Propheten eigene Halbwahrheiten herausbrüllen, um all die anderen zu übertönen. Das laute Geschrei verdirbt die Ohren, die der anderen, aber auch die eigenen. Sprache wird nicht mehr gehört und verstanden, sie dient in keiner Weise als Medium der Verständigung, sondern wird als Waffe missbraucht. Die Krise Ungarns ist nämlich im tiefen Kern vor allem auch eine sprachliche.

Der Titel des Buches verspricht mit flotter Ironie eine gewaltige Hypnose. Daher bin ich ganz sicher nicht der ideale Leser und auch als Kritiker nur bedingt zu gebrauchen. Nach jetzt über dreißig Jahren in meiner Wahlheimat Ungarn wächst in mir mit steigender Ungeduld eine Sehnsucht nach Erwachen, ein Hunger auf klärende Vernunft und Ernüchterung, auf ein Ende des kollektiven Rausches und der allgegenwärtigen Lähmung. In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts habe ich mich von der deutschen Literatur abgewendet, weil mich ihr postmodernes Spiel nicht überzeugen konnte, umso mehr aber der ungarischen zugewendet, weil ich in ihr die großen Fragen des Lebens verhandelt sah. Der Begriff der Postmoderne impliziert die These, dass die Moderne eine Verfallszeit habe. Er unterschätzt ihre Fruchtbarkeit, ihr ständig neu aufflammendes Liebesverhältnis zum Futur, ihr reges Sexualleben. Die Postmoderne selbst ist allerdings vergänglich und zum beständigen Verfall verurteilt, die Moderne dagegen lässt sich nicht überholen, weil sie sich beständig zu modernisieren vermag.

Auf manchen Seiten dieses Buches habe ich mich gefühlt wie auf einer Zeitreise zurück in die eigene Vergangenheit, versetzt nach Hamburg in das Jahr 1980, als dort die Dichtung zerfiel in wenig glaubwürdige Weltanschauungspoeten auf der konservativen und sich von jeder Anschauung lösende Wortartisten auf der avantgardistischen Seite, die nur mehr ihre Spiele mit und gegen die Sprache trieben. In diesen Sprachspielern finde ich mich jetzt wieder. Da wird auf vielen Seiten mit provozierenden Worten und schockierenden Bildern verwirrt und getrommelt, ich aber kann und will mich nicht bewegen, wie ich mich auch damals unter dem Einfluss der deutschen Postmoderne nicht bewegen wollte. Fast alle Autoren dieses Buches verlassen ihre Lebensräume und Wirklichkeiten, verwandeln sich in Tiere oder Astronauten, bewegen sich in vorhistorischen oder posthumanen Zeiten, lieber an Unorten als an Orten. Ein lyrisches Ich ist kaum identifizierbar, es sucht sein Versteck in Anonymität.

Auffällig ist die Allgegenwärtigkeit von brachialer Gewalt in vielen Gedichten: »Heute habe ich mich den ganzen Tag gefühlt, / als hätte man mich paniert« (András Bajtai, S. 4); »[…] und doch wälzte der Wind Kadavergeruch […]« (Dénes Krusovszky, S. 9); »[…] am dritten Tag sterben wir sowieso, / werden umgepflügt wie Wiesen […]« (Ágnes Kali, S. 10); »Wir sind auch ganz schön viele, ein echtes Rattenkönigreich, / in keinster Weise respektvoll, wir kratzen uns die Augen aus […]« (Márió Z. Nemes, S. 22­­); »An Feiertagen prügeln wir uns grün und blau, um / die Erinnerung an Farben nicht zu verlieren« (Kornélia Deres, S. 28); »Stumpfe Zähne zerfleischen dir den Hals, / man reißt dich an den Armen entzwei, / ein Fühler löffelt dir die Augen aus, / doch hört keiner den Schrei« (János Áfra, S. 65); »Ich soll den Bauch nicht anspannen, in Ordnung. / Öffnet ihn. Zuerst die weichen Organe. / Der Reihe nach. Ich möchte sie anfassen« (Lidi Kupcsik, S. 74); »Keine Angst, er ist nicht krank, nur tot« (Bálint Németh, S. 80); »An ihrer Stirn klebte die abgerissene Hälfte eines Unterkiefers« (Márton Simon, S. 92).

Diese Präsenz der Gewalt ist ein Signal. Kein Gedicht zieht sich in ein künstliches Idyll oder gar in einen aristokratischen Elfenbeinturm zurück. Dennoch dominiert eine Vorliebe für radikalen Rückzug. Auffällig sind die extrem individualisierten Strategien und Techniken, sich gegen und in dieser Gewalt als Wesen zu behaupten.

Wenn die Gewalt gelegentlich dann doch gesellschaftlich zu identifizieren ist, dann in Gedichten aus den Nachbarschaften des Landes, in denen große ungarische Minderheiten leben, für die allein die Sprache schon ein Teil des Weges ist, sich im Umfeld eigener Nöte auszudrücken und zu wehren. So etwa bei Petra Szocs aus Klausenburg (rum. Cluj-Napoca, ung. Kolozsvár), wenn sie die Hinrichtung des Diktatorenehepaars Ceaușescu in den Weihnachtstagen 1989 thematisiert, oder auch bei Anna Terék, die in Jugoslawien geboren wurde; sie erlebte den Zerfall ihres Landes als junges Mädchen, Spuren davon finden sich in ihrer Dichtung. Eine kluge Entscheidung, dass der Band die Ungarn außerhalb Ungarns einbezieht. Statt wie das offizielle Ungarn die Verluste von Land und Leuten nach dem Ersten Weltkrieg als bleibende Katastrophe (Trianon) zu beschwören, ist es doch ungleich lebensfreundlicher und klüger, die europäischen Öffnungen als Türen und Fenster zu nutzen. Literarisch ist es sogar ein bereicherndes Geschenk, dass es diese ungarischen Stimmen von den Rändern gibt, denn denen ist zuzutrauen, dass sie dem stur vor sich hin kriselnden Kern des Landes gesunde und rettende Impulse zu senden vermögen.

Im Nachwort diagnostiziert Márió Z. Nemes eine Tendenz zur »Neuen Ernsthaftigkeit « in der ungarischen Gegenwartslyrik, er sieht »[…] die Verwirklichung eines antiprogrammatischen Programms, das fordert, den Glauben an die Verantwortung der Poesie wiederherzustellen, ohne sie der deformierenden Wirkung gesellschaftspolitischer Ideologien auszusetzen« (S. 105). Er muss es besser wissen, denn er gehört als Dichter selbst dazu, er sieht die Dinge von innen und ist zugleich in der Lage, mit seinem wachen, analytischen Verstand als Literaturkritiker Abstand zu halten und dem eigenen Treiben von außen kritisch zuzuschauen. Als Leser dieses Buches kann ich diesen Optimismus nur wohlwollend ahnen, nicht aber wirklich entdecken. Für mich bleibt vieles noch in einem beliebigen Sprachspiel befangen, als wolle die Postmoderne hier einfach kein Ende nehmen. Das aber kann durchaus an meinen bereits angedeuteten Grenzen liegen. Wann immer ich beim Lesen das Gefühl hatte, mit den eigenen Kräften des Verstehens am Ende zu sein, hatte ich dennoch mehrfach den Eindruck, diese Gedichte verstehen sich untereinander gut, von Astronaut zu Astronaut, von Ameise zu Wal, von Kind zu Kind.

Und das liegt nicht etwa daran, dass ein einheitlicher Übersetzungsstil die Texte kompatibel macht. Nicht nur die Vielstimmigkeit der Dichtungen, auch die der Übersetzungen gehört zu den Stärken des Bandes. Allen ist hoch anzurechnen, dass sie die ungarischen Rätsel auch im Deutschen als Rätsel wiedergeben. Gerade Übertragungen von Lyrik unterliegen der notorischen Gefahr, das Mysteriöse zu glätten, zu interpretieren, zu schlichten. Das geschieht hier nicht.

Elf Leute arbeiten an den Übertragungen, allein das schon ist ein erfreuliches Unterfangen, hebt es doch den Beruf des Übersetzers aus seinem angestammt asozialen Ghetto. Bei diesem Buch wird häufig in Paaren und Gruppen operiert, Wien, Leipzig, Budapest, Berlin und viele Orte mehr werden zu Werkstätten gemeinsamen Arbeitens. Die Dichtung liebt das, denn sie meidet jeden festen Wohnsitz. Die Herausgeber leisten den Löwenanteil der Arbeit. Es ist ein Glück, dass Orsolya Kalász nicht nur in Berlin und Budapest, sondern auch im Deutschen und im Ungarischen zuhause ist und sich immer wieder mit deutschen Muttersprachlern und Dichtern verbündet, um Texten auf den Grund zu gehen. (Das setzt beste Traditionen aus alten Tagen fort, so etwa die großartige Zusammenarbeit von Paul Kárpáti und Franz Fühmann.) Peter Holland hat nicht nur unzählige Berufe, sondern kann diese auch mit ansteckender Begeisterung ausfüllen. Beiden ist es geglückt, so viele Dichter und Übersetzer zu einem Netz zu verflechten. Diesem Netz ist Kontinuität und Ausbau dringend zu wünschen.

Es gehört schon einiger Mut dazu, aus den aktuellen lyrischen Angeboten in Ungarn eine Auswahl zu treffen, die willentlich oder unwillentlich immer zugleich einen Kanon suggeriert. Und weil es sich hier um Übertragungen vom Ungarischen ins Deutsche handelt, drängt sich sogar der Verdacht einer internationalen Wertung auf, wobei jeder gleich schaut, wer ist dabei, wer fehlt, wer bekommt welches Gewicht? Natürlich will dieser Band kein Schiedsrichter sein, erst recht kein Schönheitswettbewerb. Ranglisten gibt es im Tennis und Fußball, selbst da noch umstritten, nicht aber in der Literatur. Auch der Markt kann hier wenig ausrichten. Lyrik ist fast überall nahezu unverkäuflich, ganz besonders übersetzte Lyrik. Daher ist es in diesem Fall ein geradezu verwöhnender Genuss, auf gutem Papier und geräumig gedruckt diese Texte lesen zu dürfen. Sie laufen nicht davon wie die Bildschirmchimären im Internet, sie verharren geduldig und schön. Und wer hätte im ­20. Jahrhundert zu hoffen gewagt, dass die ungarische Literatur und darin vor allem auch die Lyrik sich zwanzig Jahre später nahezu gleich auf beide Geschlechter verteilt? An ein Ende der männlichen Alleinherrschaft war damals kaum zu denken. Nichts schien so unerschütterlich wie das Recht der ungarischen Männer auf Dichtung und Geltung.

Die ungarische Literatur ist in Bewegung, wenn auch an manchem Ort in obskure Richtung. Nationalistische Kulturfunktionäre sind derzeit wild entschlossen, sich nicht mehr international, vor allem nicht aus dem deutschen Sprachraum heraus vorschreiben zu lassen, wie der ungarische Literaturkanon auszusehen hat. Wer Sprache einzuschließen versucht, raubt ihr den Atem. Die Zukunft der Nationen liegt in ihrer Bereitschaft zur Internationalität. Was sich in der Welt bewährt, gewinnt an Kraft und Charakter. Man sieht es an der Beweglichkeit der Autoren des Bandes. Die führt sie gelegentlich auch in versteckte Winkel. Besonders gefällt mir das »Sackgassendorf auf der Balaton-Hochebene«, in das es Gábor Lanczkor verschlagen hat (S. 112­).

Dieses Buch bringt die Geheimsprache Lyrik zum Sprechen. Das ist gut so, denn gerade geheime Sprachen wollen gesprochen sein.

 

Erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 2 (2019), Jg. 14 (68), Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 219–222.

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